2026: DGHO-Rückblick auf ein volles Jahr
Von RAS-Inhibitoren über Antikörper-Wirkstoff-Konjugate bis zu bispezifischen Antikörpern: Das Jahr 2026 brachte bisher zahlreiche wegweisende Studienergebnisse. An der gemeinsamen Jahrestagung der deutschsprachigen Fachgesellschaften für Hämatologie und medizinische Onkologie (DGHO, ÖGHO, SSMO, SGKSSH) präsentierten zwei Expertinnen ihre persönlichen Highlights.

«Onkologie in 30 Minuten, das bedeutet hochgradige Auswahl», eröffnete Prof. Mascha Binder (Universitätsspital Basel) ihren Rückblick auf das Forschungsjahr 2026. Ihre persönliche Auswahl präsentierte sie als musikalische Hitparade – mit «Newcomer», «Aufsteigern», «Coverversionen» und einem Spitzenreiter.
«Knaller des Jahres» RAS-Targeting
Auf Platz eins setzte Binder die Fortschritte beim Targeting des MAP-Kinase/RAS-Signalwegs. Hier lieferten zwei Studien besonders beeindruckende Überlebensdaten: BREAKWATER beim BRAF-V600E-mutierten metastasierten kolorektalen Karzinom und RASolute 302 beim metastasierten Pankreaskarzinom.
BREAKWATER untersuchte Encorafenib plus Cetuximab und mFOLFOX6 bereits in der Erstlinie. Das mediane OS lag bei rund 30 gegenüber 15 Monaten unter einer Standardchemotherapie mit oder ohne Bevacizumab (HR 0,49). Bislang kamen BRAF-gerichtete Therapien erst in späteren Linien zum Einsatz. Binder plädierte deshalb für eine BRAF-Testung bereits vor Therapiebeginn: «Wer BRAF erst bei der Progression testet, hat diesen ganzen Effekt verschenkt», betonte Binder.
Ein womöglich noch grösserer Durchbruch gelang beim Pankreaskarzinom. Lange hatte RAS aufgrund seiner strukturellen Eigenschaften als «untargetable» gegolten: «44 Jahre von der Entdeckung dieses Onkogens, das in 30% aller soliden Tumoren mutiert ist, bis zum Medikament», erinnerte die Referentin. Mit RAS(ON)-Inhibitoren habe sich das verändert. In RASolute 302 verlängerte Daraxonrasib bei vorbehandelten Patienten mit RAS-G12-mutiertem, metastasiertem Pankreaskarzinom das mediane OS von 6,7 auf 13,2 Monate (HR 0,40). Trotz relevanter Nebenwirkungen an Haut, Schleimhäuten und Gastrointestinaltrakt waren schwere unerwünschte Ereignisse unter Daraxonrasib seltener als unter der Vergleichschemotherapie. Eine Herausforderung ist laut der Referentin derzeit noch die Verfügbarkeit von Daraxonrasib in Europa.
ADCs: «Die B-Seite wird zur A-Seite»
In Bezug auf ADCs griff Binder erneut auf ihre musikalische Analogie zurück: Auf Schallplatten sei die A-Seite für den Hit reserviert gewesen, während man die B-Seite erst danach gehört habe. Ähnlich seien die Substanzen überwiegend in späteren Therapielinien eingesetzt worden. «Jetzt wechseln sie zunehmend auf die A-Seite.»
In DESTINY-Breast09 verlängerte Trastuzumab-Deruxtecan plus Pertuzumab das mediane PFS beim HER2-positiven metastasierten Mammakarzinom auf 40,7 gegenüber 26,9 Monaten (HR 0,56). Allerdings verwies Binder auf die relevanten Toxizitäten, insbesondere interstitielle Lungenerkrankungen; zudem seien die OS-Daten noch nicht ausgereift. Aus Schweizer Perspektive stellte sie deshalb die Frage: «Muss ich mit diesem toxischen Regime jetzt wirklich in die Erstlinie oder kann ich das für bestimmte Patienten einfach vorsehen?»
Beim HER2-positiven metastasierten Magenkarzinom bestätigte DESTINY-Gastric04 den Stellenwert von Trastuzumab-Deruxtecan nach Trastuzumab-Versagen. Das OS wurde gegenüber Ramucirumab plus Paclitaxel auf 14,7 statt 11,4 Monate verbessert (HR 0,70). Binder empfahl, nach Möglichkeit vor der Zweitlinientherapie erneut auf HER2 zu testen, da die Expression unter Trastuzumab verloren gehen könne.
Auch beim lokal fortgeschrittenen, nicht resezierbaren oder metastasierten triple-negativen Mammakarzinom rückt dank ASCENT-03 und ASCENT-04 Sacituzumab Govitecan in die Erstlinie vor. Abhängig vom PD-L1-Status wurde es allein oder mit Pembrolizumab untersucht. Beide Studien zeigten PFS-Vorteile gegenüber den jeweiligen Kontrollarmen.
Erfolgreiche Therapien für ein «kuratives Publikum»
Als «Coverversionen» bezeichnete Binder erfolgreiche Behandlungen aus der metastasierten Situation, die nun für Patienten mit potenziell kurativer Therapieintention eingesetzt werden können.
Besonders beeindruckt zeigte sie sich von der LIBRETTO-432-Studie beim RET-Fusions-positiven NSCLC. In dieser seltenen molekularen Subgruppe wurde Selpercatinib nach definitiver Therapie adjuvant gegen Placebo geprüft. In der primären Auswertung der Stadien II-IIIA ergab sich beim ereignisfreien Überleben (EFS) für Binder die «Hazard Ratio des Jahres» von 0,17. Daraus ergebe sich eine klare Konsequenz: Auch in früheren Krankheitsstadien müsse jetzt nach RET-Fusionen gesucht werden.
Beim muskelinvasiven Urothelkarzinom zeigte auch die Kombination Enfortumab Vedotin plus Pembrolizumab überzeugende perioperative Ergebnisse. Allerdings seien die längere Therapiedauer und Toxizität zu berücksichtigen.
Hämatologie: Zeitlich begrenzte CLL-Therapie
Auch in der Hämatologie gab es 2026 reichlich Anlass für eine Best-of-Auswahl. Prof. Anna Lena Illert (Universitätsmedizin Göttingen) präsentierte ihre persönlichen Highlights.
Zu den wichtigsten gehörte CLL17. Die Studie verglich bei bislang unbehandelter chronischer lymphatischer Leukämie zwei zeitlich begrenzte Regime – Venetoclax plus Obinutuzumab über 12 Monate und Venetoclax plus Ibrutinib über 14 Monate – mit kontinuierlichem Ibrutinib. Beide Kombinationen erwiesen sich beim PFS als nicht unterlegen. Die Dreijahres-PFS-Daten lagen in allen drei Armen bei rund 80%. Für viele Patienten könnte damit eine zeitlich begrenzte Behandlung ohne offensichtliche Verschlechterung des PFS möglich sein.
Um eine risikoadaptierte Therapiewahl komme man laut Illert dennoch nicht herum. Insbesondere bei TP53-mutierter oder -deletierter CLL könnten kontinuierliche BTK-Inhibitor-basierte Strategien weiterhin Vorteile bieten. CLL17 konnte diesen Punkt aufgrund der geringen Grösse der betreffenden Subgruppen nicht beantworten.
AML: Möglicher Paradigmenwechsel – mit Vorbehalten
Besonders differenziert diskutierte Illert die PARADIGM-Studie bei akuter myeloischer Leukämie. Diese untersuchte, ob Azacitidin/Venetoclax auch bei fitten Patienten eine Alternative zur bislang üblichen intensiven Induktionschemotherapie sein könnte.
Das mediane EFS verlängerte sich unter Azacitidin/Venetoclax gegenüber intensiver Chemotherapie von 6,2 auf 14,5 Monate (HR 0,57). Zugleich traten weniger schwere Infektionen und Blutungen auf. Illert betonte jedoch die Limitationen: «Wir reden über eine randomisierte Phase-II-, keine Phase-III-Studie.» Die Studie umfasste nur 172 Patienten; zudem waren prognostisch relevante Risikofaktoren zwischen den Armen ungleich verteilt. Ein signifikanter OS-Vorteil wurde nicht nachgewiesen. Für einen generellen Wechsel des Therapiestandards seien deshalb grössere konfirmatorische Studien erforderlich.
ALL: «Wirklich schön für unsere Patienten»
Deutlich eindeutiger fiel Illerts Bewertung der AIEOP-BFM-ALL-2017-Studie bei pädiatrischer B-Zell-akuter lymphoblastischer Leukämie aus. Hier wurden bei Kindern mit Hochrisiko-B-ALL zwei intensive Chemotherapieblöcke durch zwei Zyklen Blinatumomab ersetzt. Das EFS nach vier Jahren verbesserte sich von rund 70% unter Chemotherapie auf 83% unter Blinatumomab.
Die Expertin bezeichnete die Ergebnisse als klar praxisverändernd. Für Kinder, «bei denen wir wissen, wie viel wir ihnen abverlangen», könne so ein Teil der belastenden intensiven Chemotherapie entfallen.
Multiples Myelom: Freundlicher Hazard-Ratio-Wettstreit
Für einen weiteren Höhepunkt sorgte die Phase-III-Studie MajesTEC-3 beim rezidivierten oder refraktären Multiplen Myelom.
Sie untersuchte den bispezifischen BCMA/CD3-Antikörper Teclistamab plus Daratumumab gegenüber etablierten Daratumumab-basierten Regimen bei Patienten nach einer bis drei Vortherapien. Mit einer PFS-Hazard-Ratio von ebenfalls 0,17 machte Illert ihrer Kollegin die «Hazard Ratio des Jahres» streitig. Auch die Remissionsraten und der Anteil MRD-negativer Patienten waren deutlich höher.
Illert verwies allerdings auf das relevante Infektionsrisiko, das eine konsequente Prophylaxe und Überwachung erfordert. Angesichts der tiefen und anhaltenden Remissionen stellt sich zudem zunehmend die Frage, wie lange eine solche Therapie tatsächlich fortgeführt werden muss.
Symposium «Best of the Year 2026», Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie, 8. – 11. Oktober 2026, Wien
