Medical Tribune
3. Nov. 2026Erschwerter Zugang zu empfohlener Therapie

Diabetes: Leitlinien-Empfehlungen vs. Realität im klinischen Alltag

Fast die Hälfte eines Schweizer Studienkollektivs aus Patienten mit Typ-2-Diabetes kam für eine Kombinationstherapie mit GLP1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Hemmern infrage. Nicht alle erhielten allerdings tatsächlich eine leitliniengerechte Therapie.

Diabetiker mit einer Insulinpumpe im Bauchraum, die er am Gürtel trägt. Diabetes-Konzept.
romaset/stock.adobe.com

Die Kombination aus GLP1-Rezeptoragonisten (GLP1-RA) und SGLT2-Inhibitoren (SGLT2i) besitzt in internationalen und nationalen Leitlinien einen festen Stellenwert: Neben einer effektiven Blutzuckersenkung und Gewichtsreduktion steht v. a. der evidenzbasierte kardiorenovaskuläre Schutz im Fokus.

In der klinischen Routinepraxis wird der Zugang zu dieser Zweitlinientherapie jedoch durch strenge Vergütungskriterien limitiert. In einer Querschnittsanalyse untersuchten Dr. Anders B. Jensen, HOCH Health Ostschweiz, St. Gallen, und Kollegen nun auf Basis des SwissDiab-Registers, wie gross der Anteil von Patienten mit Typ-2-Diabetes an einem spezialisierten Versorgungszentrum – am Beispiel von HOCH Health Ostschweiz – ist, der nach aktuellen Leitlinienkriterien für diese Kombinationstherapie infrage kommt, und wie viele Betroffene diese Behandlung tatsächlich erhalten.

Hohe Prävalenz kardiorenaler Begleiterkrankungen

Im ersten Auswahlschritt stuften die Autoren 293 der 401 Patienten (73,1 %) als für eine GLP1-RA-Therapie geeignet ein. Voraussetzung war grundsätzlich ein BMI von mindestens 28 kg/m²; bei bereits mit GLP1-RA-Behandelten galt der BMI zum Zeitpunkt des Therapiebeginns. Innerhalb dieser Gruppe filterten die Studienautoren Patienten heraus, bei denen mindestens eine Indikation für die Hinzunahme eines SGLT2-Inhibitors vorlag: Herzinsuffizienz (HF), chronische Nierenerkrankung (CKD) oder unzureichende glykämische Kontrolle (HbA1c > 8,0 %).

Von den 293 GLP1-RA-Kandidaten wiesen 61,1 % (n = 179) mindestens eine dieser drei Indikationen auf. Führend war die chronische Nierenerkrankung mit 77,7 %, gefolgt von unzureichender glykämischer Kontrolle (37,4 %) und Herzinsuffizienz (25,7 %). Über das gesamte Studienkollektiv hinweg erfüllten somit 44,6 % (179 von 401 Patienten) die Kriterien für eine kombinierte Therapie. Bei tieferen HbA1c-Grenzwerten (> 7,5 % bzw. > 7,0 %) stieg der Anteil geeigneter Patienten sogar auf 47,9 % bzw. 55,1 % an.

Erhebliche Behandlungslücke im klinischen Alltag

Von den 179 qualifizierten Patienten erhielten lediglich 27,9 % (n = 50) die empfohlene Kombination aus GLP1-RA und SGLT2i. Ein knappes Drittel (31,8 %) wurde ausschliesslich mit einem SGLT2-Inhibitor behandelt, 27,4 % erhielten lediglich einen GLP1-Rezeptoragonisten und 12,8 % nahmen keine der beiden Wirkstoffklassen ein – wobei die Mehrheit dieser unbehandelten Gruppe eine Vorgeschichte von Unverträglichkeiten, Kontraindikationen oder unzureichendem Therapieansprechen aufwies. In multivariablen Regressionsanalysen zeigte sich u. a., dass weibliche Patienten die Kombination signifikant seltener erhielten als männliche Patienten (OR 0,36).

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass fast die Hälfte der Betroffenen im St. Galler Zentrum die Kriterien für eine kombinierte GLP1-RA/SGLT2i-Therapie erfüllte. Zwei Drittel davon erhielten die Behandlung dennoch nicht. Zwar brachte die Revision der Schweizer Spezialitätenliste ab September/Oktober 2025 partielle Erleichterungen, regulatorische Hürden – wie die starre BMI-Schwelle von 28 kg/m² – limitieren die breite Umsetzung der Leitlinienempfehlungen im Behandlungsalltag aber weiterhin.