Medical Tribune
30. Juli 2026Ein «Reset» fürs Immunsystem?

BCMA-CAR-T-Zellen bei refraktärer ITP

In einer neuen Studie führte eine einmalige BCMA-CAR-T-Zell-Therapie bei vier Patienten mit stark vorbehandelter primärer Immunthrombozytopenie (ITP) zu einer kompletten Remission. Drei Teilnehmer blieben dabei während der Nachbeobachtung von 6 bis 14 Monaten ohne weitere ITP-Therapie in Remission. Immunologische Analysen legen nahe, dass die Behandlung mehr bewirken könnte als nur eine vorübergehende Depletion autoreaktiver Zellen.

Thrombozyten sind wesentlich an Hämostase, Blutgerinnung und Wundheilung beteiligt.
Corona Borealis/stock.adobe.com

Bei der primären ITP spielen Autoantikörper gegen spezifische Thrombozytenglykoproteine eine zentrale Rolle. Sie fördern den Abbau von Thrombozyten und hemmen gleichzeitig die Produktion neuer Thrombozyten.

BCMA-CAR-T-Therapie zieht gezielt Plasmazellen aus dem Verkehr

CAR-T-Zellen werden seit knapp 10 Jahren erfolgreich in der Onkologie eingesetzt. Mittlerweile werden sie auch zunehmend bei schweren Autoimmunerkrankungen untersucht.

Aus einigen rezenten Fallberichten geht hervor, dass die CAR-T-Zell-Therapie bei ITP Potenzial haben könnte. Darin wurde allerdings das Target-Antigen CD19 verwendet, das vorwiegend frühere Stadien der B-Zell-Differenzierung erfasst. Das in der neuen Studie verwendete Antigen BCMA wird hingegen vermehrt von Plasmazellen und späten Memory-B-Zellen exprimiert. Die BCMA-gerichtete CAR-T-Therapie richtet sich damit gezielter gegen jene Zellen, die pathogene Antikörper produzieren.

Am EHA-Kongress 2026 präsentierte Dr. Jinhui Shu, Huazhong University of Science and Technology, Wuhan, erste Daten einer frühen Phase-I-Studie, die ein autologes BCMA-CAR-T-Produkt der zweiten Generation bei refraktärer primärer ITP untersuchte (1). Eingeschlossen wurden Patienten, die seit mindestens sechs Monaten an einer primären ITP litten, nachweisbare thrombozytenspezifische Autoantikörper aufwiesen und bereits mehrere Therapielinien erhalten hatten.

Insgesamt screenten die Forscher acht Patienten, von denen sie sechs eine einmalige CAR-T-Infusion in unterschiedlichen Dosierungen verabreichten. Ein Patient erhielt im Nachgang die Diagnose eines myelodysplastischen Syndroms, ein weiterer entzog sich der Nachbeobachtung. Damit standen für die längerfristige Auswertung lediglich vier Patienten zur Verfügung. Diese Teilnehmer waren zwischen 42 und 70 Jahre alt, wiesen zu Studienbeginn Thrombozytenzahlen zwischen 2 und 27 x 10^9/l auf und waren bereits zumindest mit Kortikosteroiden, intravenösen Immunglobulinen, Eltrombopag und Rituximab vorbehandelt.

Komplette Remission bei allen vier Patienten

Nach der Infusion expandierten die CAR-T-Zellen rasch und erreichten etwa an Tag 10 bis 14 ihr Maximum. Gleichzeitig gingen die zirkulierenden B-Zellen deutlich zurück und waren um den Tag 14 nahezu vollständig verschwunden.

Klinisch erreichten alle vier auswertbaren Patienten eine komplette Remission ohne zusätzliche thrombozytensteigernde Therapie. Drei Patienten erreichten die komplette Remission dabei innerhalb der ersten 14 Tage. Bei ihnen hielt die Remission über den gesamten bisherigen Nachbeobachtungszeitraum zwischen 6 bis 14 Monaten ohne weitere ITP-Therapie an. Beim vierten Patienten hingegen normalisierte sich die Thrombozytenzahl verzögert bis Tag 28. Nach neun Monaten trat jedoch ein Rezidiv auf, parallel dazu wurden auch die zuvor verschwundenen Thrombozyten-Autoantikörper wieder positiv.

Schwere unerwünschte Ereignisse wurden bei den vier Patienten nicht beobachtet. Insbesondere traten weder ein Immuneffektorzell-assoziiertes Neurotoxizitätssyndrom (ICANS) noch schwere Infektionen auf. Angesichts der geringen Teilnehmerzahl lassen sich daraus allerdings noch keine belastbaren Aussagen zur Sicherheit der Therapie ableiten.

B-Zell-Repertoire stellt sich komplett neu auf

Das Forscherteam unternahm umfangreiche Analysen zur Rekonstitution des Immunsystems, die darauf hindeuten, dass sich nach der CAR-T-Therapie nicht einfach das ursprüngliche Immunsystem wiederherstellte.

So verschob sich beispielsweise nach der Therapie das gesamte B-Zell-Kompartiment in Richtung eines stärker naiven Phänotyps. Darüber hinaus fanden sich im B-Zell-Repertoire keine nachweisbaren Überschneidungen zwischen den Klonotypen vor und nach der Behandlung, und auch das T-Zell- und myeloide Kompartiment veränderte sich durch die Therapie.

«Durch die direkte Ausrichtung gegen Plasmazellen ermöglichte die BCMA-CAR-T-Therapie eine rasche Erholung der Thrombozyten und anhaltende Remissionen und führte gleichzeitig zu einer tiefgreifenden Reprogrammierung des Immunsystems», fasste Studienleiter Prof. Heng Mei die Ergebnisse zusammen.

Müssen CAR-T-Zellen für ihre Wirksamkeit dauerhaft bleiben?

Im Anschluss an seinen Vortrag wurde Dr. Shu gefragt, ob CAR-T-Zellen langfristig persistieren müssen, damit ihr therapeutischer Benefit erhalten bleibt. «Bei Autoimmunerkrankungen brauchen wir wahrscheinlich keine langfristige Persistenz der CAR-T-Zellen. Stattdessen müssen wir die pathogenen B-Zellen vollständig eliminieren», erklärte der Referent.

Dr. Shu vermutet, dass das durch die Therapie veränderte Immunmilieu auch nach dem Rückgang der CAR-T-Zellen fortbestehen könnte: «CAR-T-Zellen sind ein lebendes Medikament», erklärte er. Über Rezeptor-Liganden-Interaktionen könnten sie nicht nur ihre unmittelbaren Zielzellen, sondern auch andere Immunzellen in ihrer Umgebung beeinflussen. «Selbst wenn die CAR-T-Zellen erschöpft sind, kann die langfristige Wirksamkeit daher bestehen bleiben.»

Ob dieser immunologische «Reset» tatsächlich langfristige therapiefreie Remissionen gewährt, muss angesichts der bislang lediglich vier auswertbaren Patienten nun in grösseren Studien geklärt werden.