Medical Tribune
6. Juli 2026Schlüsselrolle für Hausarzt und Augenarzt

Diabetische Retinopathie: «Der Patient spürt lange nichts»

Die diabetische Retinopathie zählt zu den häufigsten mikrovaskulären Komplikationen des Diabetes – und bleibt für Betroffene lange unbemerkt. «Der Patient spürt ja gar nichts», betont Dr. Arthur Baston (Augentagesklinik Brugg) und bringt damit die zentrale Herausforderung für den Hausarzt auf den Punkt: rechtzeitig zuzuweisen und geeignete Kontrollintervalle einzuhalten.

Elderly Patient consulting Doctor to Eye disease, Senior Medical Diagnosis.
Jo Panuwat D/stock.adobe.com

«Pathophysiologisch beginnt die diabetische Retinopathie als klassische mikrovaskuläre Komplikation des Diabetes», berichtet Dr. Baston. Chronische Hyperglykämie führt dabei sowohl zur Neurodegeneration der Netzhaut als auch zu strukturellen Schäden an Endothel, Perizyten und Basalmembran.

Mikrovaskuläre Schädigung mit komplexer Dynamik

Mit zunehmender Erkrankungsdauer verändert sich die Architektur des Kapillarbetts grundlegend: Es kommt zu Okklusionen, Ischämien und Gefässleckagen. Gleichzeitig stimulieren ischämische Areale die Ausschüttung von VEGF, was wiederum pathologische Neovaskularisationen antreibt: «Das sind Gefässe von extrem schlechter Qualität – die wollen wir gar nicht haben», so der Referent.

Durch diese Prozesse entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Exsudation und Flüssigkeitsresorption, was zur Ausbildung eines Makulaödems beitragen kann. Auch inflammatorische Mechanismen spielen eine Rolle: «Bevor es die Anti-VEGF-Medikamente gab, hat man das Makulaödem wirksam mit Kortison behandelt.»

Die Dimension der Erkrankung ist erheblich: «Bis 2030 schätzt man, dass weltweit rund 600-700 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt sein könnten – etwa ein Drittel davon entwickelt eine diabetische Retinopathie», so der Experte. «Das wären 200-250 Millionen.»

Auch in der Schweiz sind rund 100.000 bis 125.000 Personen betroffen. Besonders relevant ist die Erkrankung im erwerbsfähigen Alter: Hier stellt sie die häufigste Ursache für Erblindung dar – und hat damit auch eine sozioökonomische Dimension.

Risikofaktoren: Dauer, Einstellung und Schwankungen

Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählt die Krankheitsdauer. «Je länger jemand an Diabetes leidet, desto wahrscheinlicher entwickelt sich eine Retinopathie.»

Hinzu kommen:

  • schlechte Blutzuckereinstellung (HbA1c > 9 %)
  • Blutzuckerschwankungen (z.B. bei Therapieintensivierung)
  • arterielle Hypertonie und weitere Komponenten des metabolischen Syndroms
  • frühes Erkrankungsalter
  • hormonelle Veränderungen (Pubertät, Schwangerschaft)
  • Nikotinkonsum

«Auf Patienten mit diesen Risikofaktoren müssen wir in der Praxis besonders gut achten», mahnt Dr. Baston.

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