Medical Tribune
18. Juni 2026Viele Krebspatienten profitieren von Pflanzenmedizin

Phytotherapeutische Supportivbehandlung bei tumorassoziierter Fatigue

Physisch, oft auch emotional und/oder kognitiv langfristig massiv erschöpft: Jeder zweite Krebspatient leidet zumindest phasenweise unter einer tumorbezogenen Fatigue. «Eine individualisiert verordnete Phytotherapie ist oft hilfreich», sagte Prof. Dr. Matthias Rostock, Universitäres Cancer Center Hamburg, am Jahreskongress der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie (SMGP). Nicht nur Adaptogene wie Ginseng oder Rosenwurz sind für eine Behandlung geeignet, sondern auch Vertreter anderer Pflanzengruppen.

Blüten des Echten Baldrians (Valeriana officinalis).
Esin Deniz/stock.adobe.com

Fatigue ist die häufigste Begleiterscheinung einer Krebserkrankung und für viele Patienten auch die unangenehmste. Sie kann die physische wie die emotionale und kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Ruhe und Schlaf bringen keine wesentliche Besserung. «Oft schildern die Patienten, sie stünden morgens auf und würden gerade einmal die Morgenhygiene und das Frühstück erledigen können. Danach seien sie so erschöpft, dass sie sich wieder hinlegen müssten», erzählte Prof. Rostock.

Nur für Ginseng gibt es eine Leitlinien-Empfehlung

Die S3-Leitlinie Komplementärmedizin rät für die Behandlung von tumorassoziierter Fatigue zu verschiedenen nichtmedikamentösen Massnahmen (z. B. Bewegung/Sport, Tai-Chi/Qigong, Yoga, Akupressur/-punktur) und Pflanzenmedizin. Für eine phytotherapeutische Behandlung ist nur eine einzige Pflanze empfohlen, der Ginseng (Kann-Empfehlung). Das heisst nicht, dass andere Heilpflanzen bei Fatigue nicht hilfreich sind, jedoch gibt es nur für Ginseng randomisierte kontrollierte Studien.

Aufgrund der Empfehlung wird laut Prof. Rostock eine phytotherapeutische Behandlung bei Fatigue oft vorzugsweise mit Extrakten aus der Ginsengwurzel begonnen. Die Wirkung der Pflanze ist mittelstark. In einer Metaanalyse war der Effekt nach acht Wochen Behandlung im Placebovergleich gerade eben signifikant (1). «Nicht alle, aber doch viele Krebspatienten profitieren vom Einsatz der Ginsengwurzel bei Fatigue», kommentierte er das Studienergebnis.
Viele Krebspatienten wenden auch Extrakte aus der Rosenwurz an. Das Dickblattgewächs aus nordischen Sphären hat in nichtonkologischen Studien Effekte auf physische und mentale Fatiguebeschwerden gezeigt und es gibt auch Hinweise auf antidepressive Wirkungen (2), die eine Anwendung bei Personen nahelegen, die neben einer Erschöpfungssymptomatik auch psychische Beschwerden haben.

Baldrianextrakt bessert Schlafstörungen und Fatigue

Eine häufige Begleiterscheinung bei einer Krebserkrankung sind auch Schlafstörungen. Betroffen ist jeder zweite Tumorpatient. In einer randomisierten Studie haben Wissenschaftler daher die diesbezügliche Wirksamkeit eines Extraktes aus der Baldrianwurzel bei Krebspatientinnen und -patienten untersucht (3). Als Zielparameter galten primär Schlafprobleme und sekundär die Fatiguebeschwerden. In der Studie verbesserten sich die Schlafstörungen innerhalb von acht Wochen um 55 %. «Das Ergebnis macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck», sagte Prof. Rostock. Allerdings war dieser Effekt in der Placebogruppe vergleichbar gross, sodass das Studienresultat bei genauerer Analyse eher ernüchternd ausfällt.

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