Medical Tribune
15. Apr. 2026Vom Sensor zur Schlüsseltechnologie

Die CGM als Fundament für die Diabetesberatung in der Apotheke

Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) hat das Diabetes-Management revolutioniert – nicht nur in der Diabetologie, sondern zunehmend auch in der Apotheke. Am pharmaDavos Kongress 2026 zeigte KD Dr. med. Gurpreet Anand, MME, wie Apothekerinnen und Apotheker CGM-Daten systematisch interpretieren und für eine kompetente Patientenberatung bei Typ-2-Diabetes nutzen können.

Patientin überprüft ihren Glukoseverlauf per Smartphone, unterstützt durch einen kontinuierlichen Glukosesensor am
martenaba/stock.adobe.com

Diabetes mellitus Typ 2 ist eine Zahlendiagnose: HbA1c ≥6,5 %, Nüchternglukose ≥7 mmol/l oder Spontanglukose ≥11,1 mmol/l genügen. «Mit Zahlen ist die Diagnose schnell gestellt, aber die Behandlung ist komplex und anspruchsvoll, besonders für den Patienten», eröffnete Anand ihren Vortrag. Denn Typ-2-Diabetes ist nicht bloss ein Insulinmangel. Hinter der Erkrankung steckt das sogenannte «ominöse Oktett» – acht pathophysiologische Defekte in verschiedenen Organen/Zelltypen, deren Kommunikation maladaptiv entgleist ist: Pankreas (Beta- und Alpha-Zellen), Darm, Niere, Gehirn, Fettgewebe, Muskulatur und Leber.

Dass Komplikationen bereits bei Neudiagnose auftreten, verdeutlichen schwedische Daten: 15 % Retinopathie, 18 % Albuminurie, fast 28 % Nephropathie. «Es ist nicht erstaunlich, dass wir manchmal Patienten haben mit Erstdiagnose Myokardinfarkt – und nebenbei hat man auch noch Diabetes entdeckt», so die Referentin. Umso wichtiger sei frühzeitiges Screening – auch in der Apotheke, wo Patienten niederschwellig erreicht werden.

HbA1c – ein Richtwert mit vielen Gesichtern

Der HbA1c gilt seit über 40 Jahren als Goldstandard der Langzeitkontrolle. Das Prinzip ist simpel: Je mehr Glukose im Blut, desto stärker wird Hämoglobin glykiert. Ein Wert von 7 % entspricht einem mittleren Blutzucker von 8,6 mmol/l und einer Time in Range (TIR) von rund 70 %. Doch der HbA1c hat blinde Flecken: Derselbe Wert kann stabile Verhältnisse im Zielbereich widerspiegeln, eine Achterbahn mit hohen Spitzen und tiefen Tälern – oder wiederholte Hypoglykämien. Wann und wie oft der Blutzucker entgleist, verrät der HbA1c nicht.

Hinzu kommen biologische Störfaktoren. Anämien, Urämie, Opioide, Schwangerschaft oder Hämoglobinvarianten können den Wert verfälschen – falsch hoch oder falsch tief. Für Apotheken, die Point-of-Care-HbA1c-Messungen anbieten, ist dieses Wissen unerlässlich, um Ergebnisse korrekt einzuordnen.

1440 Werte pro Tag statt eine Momentaufnahme

Was der HbA1c nicht abbilden kann, zeigt der CGM-Sensor. Er liefert minutengenaue Gewebeglukosewerte und damit 1440 Messpunkte pro Tag. So werden postprandiale Spitzen, nächtliche Hypoglykämien sowie die Auswirkungen von Bewegung und Ernährung im zeitlichen Verlauf sichtbar. «Messen heisst wissen. Nur wer misst, weiss, wo er steht – und kann die Richtung ändern», fasste Anand die Kernbotschaft zusammen.

Entscheidend ist dabei nicht nur der Glukosewert selbst, sondern auch der Trendpfeil auf dem Display des Lesegeräts oder der CGM-App. Er zeigt an, ob der Wert stabil bleibt, steigt oder fällt – und wie schnell. Ein Glukosewert von 4,0 mmol/l mit stabilem Pfeil ist daher völlig anders zu beurteilen als derselbe Wert bei steil abfallender Tendenz.

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