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Ein Joint für Asthmatiker?

Verwirrende Effekte von Cannabis an der Lunge

Ob ein Zusammenhang zwischen Cannabisrauchen und der Entstehung von Asthma bzw. Exazerbationen existiert, ist unklar.

Cannabis erweist sich bei Asthma-Kranken als zweischneidiges Schwert. Einerseits enthält es genug Allergene, um Exazerbationen auslösen zu können, andererseits entfaltet medizinisches Cannabis Wirkungen, die es sogar als Therapieoption interessant erscheinen lassen.

Cannabis vermag den Atemwegstonus in beide Richtungen zu modulieren. So wirkt es z.B. über den Cannabinoid(CB)1-Rezeptor bronchodilatatorisch. Möglicherweise lassen sich daraus neue Asthma-Therapien ableiten, hofft Dr. Ajay P. Nayak, Department of Medicine, Thomas Jefferson University, Philadelphia.

Inhalation als häufigster Applikationsweg

Dass Cannabis zum Treiber fürs Asthma werden kann, liegt daran, dass der häufigste Applikationsweg immer noch die Inhalation ist. Anwender packen die Droge in Zigarren, Pfeifen, Joints und Shishas, in E-Zigaretten und Vaporisatoren. Studien zum Effekt auf die Lunge sind inkonsistent. Akut sollen sich FEV1 und Bronchospasmen verbessern, chronischer Konsum könnte das Gegenteil bewirken. Die klinische Relevanz dieser Beobachtungen bezeichnete Dr. Nayak als völlig unklar. Ein Review amerikanischer Fachgesellschaften kam kürzlich zum Schluss, es gebe «keine oder insuffiziente Evidenz, die einen Zusammenhang zwischen Cannabisrauchen und Entstehung von Asthma oder Exazerbationen nahelegt oder entkräftet».

Vielfältiges Cannabis

Cannabis sativa und Cannabis indica werden auch medizinisch eingesetzt, Cannabis ruderalis spielt dagegen keine wesentliche Rolle, weil sich sein THC-Gehalt schlecht standardisieren lässt.

Cannabis sativa scheint stärker aktivierend zu wirken, während Cannabis indica stärker sediert. Daneben wurden Sativa-Indica-Hybride gezüchtet, um die Effekte beider Arten zu vereinen. Sie alle haben unterschiedliche Eigenschaften, was die Einstufung erschwert, wofür sie sich eignen könnten. Auch die diversen Cannabinoide – knapp ein Dutzend – unterscheiden sich, u. a. in ihrer Rezeptoraffinität.

Positive Pricktests bei Konsumenten

Untersuchungen in Dr. Nayaks Labor zeigten positive Pricktests auf Cannabis bei Usern, unabhängig vom Vorliegen einer atopischen Erkrankung. Ein Teil der Probanden reagierte auf Hautkontakt oder Inhalation mit Symptomen wie Urtikaria, Angioödem, Rhinokonjunktivitis, Husten und Giemen bis hin zu Asthma-Attacken. Offenbar bestehen Kreuzallergien mit einer Reihe von Nahrungsallergenen in Obst und Gemüse, aber auch verarbeiteten Lebensmitteln, deren Aminosäuresequenz der des Cannabis-Allergens Can s3 zum Teil sehr ähnelt. Es gibt sogar ein durch Cannabis ausgelöstes Berufsasthma bei Menschen, die auf Cannabis-Plantagen, in der Verarbeitung oder im Handel arbeiten.

Dass Cannabinoide bronchodilatatorisch wirken, erscheint aus mehreren Gründen paradox. Zum einen exprimieren die glatten Muskeln in der Bronchialwand als Verantwortliche für den Wandtonus gar keine Cannabinoid-Rezeptoren. Zum anderen reagieren Asthmatiker mit Bronchospasmen, wenn sie THC schlucken.

Tierversuche ergaben, dass die Stimulation des CB1-Rezeptors in Gegenwart eines Bronchokonstriktors eine Bronchodilatation auslöst, ohne Bronchokonstriktor dagegen Bronchospasmen verursacht. Ob sich diese Erkenntnisse therapeutisch nutzen lassen, bleibt abzuwarten, meinte der Kollege.

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