Schmerzen in der Schwangerschaft behandeln
Schmerzen in der Schwangerschaft sind häufig und werden noch immer oft inadäquat behandelt. Ein Praxisbeitrag zeigt, wie Beratung und Verschreibung von Analgetika in der Schwangerschaft gelingen können.

Zu Beginn berichten die Autorinnen und Autoren über eine 27-Jährige in der 27. Schwangerschaftswoche mit Schmerzen im unteren Rücken, nachdem sie ihre 18 Monate alte Tochter aus dem Gitterbett gehoben hatte. Medikamente möchte sie aus Sorge, ihrem ungeborenen Kind zu schaden, nicht einnehmen.
Häufiges Problem Rückenschmerzen
Zunächst gilt es zu klären, woher die Schmerzen kommen; nicht jeder Schmerz ist schwangerschaftsbedingt. Eine sorgfältige Schmerzanamnese erfasst Lokalisation, Charakter und Intensität sowie Auswirkungen auf Alltag und Lebensqualität. Schmerzen im Becken- und unteren Rückenbereich sind häufig: Ein bis zwei Drittel der Frauen erleben sie im Verlauf der Schwangerschaft. Ursachen sind unter anderem die ligamentlockernde Wirkung von Progesteron und die veränderte Körperhaltung durch zunehmendes Brust- und Bauchvolumen.
Bei der Patientin spricht vieles für muskuloskelettale Rückenschmerzen. Dennoch sollten auch in einem «eher eindeutigen» Fall Red Flags, die eine rasche weitere Abklärung erfordern, nicht ignoriert werden (s. Kasten).
Bewegung und Physiotherapie haben die beste Evidenz
Viele Schmerzen lassen sich zumindest teilweise nichtmedikamentös behandeln. Für Rücken- und Beckenschmerzen besteht die beste Evidenz für Bewegung, insbesondere für individuell angepasste Physiotherapie. Für Akupunktur, Stützgürtel und Yoga sind die Effekte gemischter und eher moderat.
Red Flags bei Schmerzen in der Schwangerschaft
Eine rasche weitere Abklärung ist erforderlich bei
- vaginalen Blutungen
- verminderten Kindsbewegungen
- Fieber oder Zeichen einer lokalen bzw. systemischen Infektion
- schweren oder ungewohnt starken Kopfschmerzen
- kardiorespiratorischen Beschwerden wie Brustschmerzen oder Dyspnoe
- starken abdominalen oder uterinen Schmerzen
- neurologischen Symptomen
- Hinweisen auf eine venöse Thromboembolie
Bettruhe ist bei Rücken- oder Beckenschmerzen ausdrücklich nicht zu verordnen, so die Autoren. Sie ist nicht wirksam und erhöht das Risiko für venöse Thromboembolien. Auch Verhaltensanpassungen können helfen – bei der 27-Jährigen etwa, das wiederholte Heben des Kleinkinds aus dem Gitterbett zu vermeiden oder die Hebetechnik anzupassen.
Neben nichtmedikamentösen Massnahmen sollte bei Bedarf eine wirksame medikamentöse Schmerztherapie angeboten werden. Sorgen vor möglichen fetalen Schäden gilt es dabei auf Grundlage der verfügbaren Evidenz zu besprechen.
Kein Ibuprofen ab der 20. SSW!
Die erste Wahl bleibt während der gesamten Schwangerschaft international das Analgetikum und Antipyretikum Paracetamol. Mittlerweile gibt es eine breite Evidenzbasis, die den immer wieder proklamierten Zusammenhang zwischen pränataler Paracetamol-Exposition und Autismus oder ADHS widerlegt. Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit fasste mittlerweile 43 Studien zusammen, darunter drei Geschwistervergleichsstudien, und fand weder für Autismus noch für ADHS jegliche Assoziation.
Für orale NSAR gilt dagegen eine zeitliche Einschränkung: Sie können bis zur 20. Schwangerschaftswoche bei akuten Schmerzen eingesetzt werden, sind danach jedoch zu vermeiden. Hintergrund ist das Risiko eines vorzeitigen Verschlusses des Ductus arteriosus sowie eine fetale Nierentoxizität mit möglichem Oligohydramnion. Eine wichtige Ausnahme ist niedrig dosierte Acetylsalicylsäure zur Präeklampsieprävention: Bei Frauen mit erhöhtem Risiko kommt sie in einer Dosierung von 100–162 mg täglich ab etwa der 12. bis zur 36. Schwangerschaftswoche zum Einsatz.
Andere Medikamente können notwendig sein
Bei Schmerzen, die auf Paracetamol nicht ausreichend ansprechen, können weitere medikamentöse Optionen notwendig werden. Bei Migräne kommen etwa Triptane zur Akuttherapie oder Amitriptylin beziehungsweise Propranolol zur Prophylaxe infrage. Codein, etwa in Kombination mit Paracetamol, kann zusätzliche Schmerzlinderung erzielen. Dem stehen jedoch opioidtypische Nebenwirkungen und Risiken wie Obstipation und ein mögliches neonatales Entzugssyndrom gegenüber.
Für den Fall der 27-Jährigen bedeutet das zunächst: Schmerzen ernst nehmen, Red Flags ausschliessen, Bewegung und gegebenenfalls Physiotherapie empfehlen und bei Bedarf Paracetamol anbieten. Schwangere sollten evidenzbasiert über Nutzen und Risiken der verfügbaren Analgetika beraten werden und während Schwangerschaft, Geburt und postpartal Zugang zu einer wirksamen Schmerztherapie haben.
Magee LA et al. BMJ 2026; 393: s888. doi: 10.1136/bmj.s888.
