Kinder mit Magen-Darm-Infekt: Finger weg von Antiemetika!
Antiemetisch wirkende Antihistaminika sollte man bei Kindern mit akutem Magen-Darm-Infekt nicht mehr verordnen. Ein Nutzen ist nicht belegt, zudem kann es zu schweren Nebenwirkungen kommen.

Um den Brechreiz bei einer Gastroenteritis zu stoppen, werden Kindern gerne antihistaminerge Substanzen wie Dimenhydrinat oder Diphenhydramin verordnet. In der neuen S2k-Leitlinie «Akute infektiöse Gastroenteritis im Kindesalter» der AWMF sind sie nicht mehr empfohlen, schreibt Prof. Dr. Patrick Gerner von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Ortenau Klinikum in Offenburg.
Weil diese Arzneistoffe sedierend wirken, trinken die Kinder oft zu wenig. Ausserdem können anticholinerge Symptome und paradoxe Erregungszustände auftreten. Bei einer Überdosierung im Säuglings- und Kleinkindalter wurde sogar von Todesfällen berichtet. Davon abgesehen liess sich kein Nutzen zeigen. Auch von Metoclopramid raten die Autoren der Leitlinie ab.
Bei anhaltendem Erbrechen, das eine orale Flüssigkeitsaufnahme unmöglich macht, ist die Gabe von Ondansetron zu erwägen. In Studien liess sich damit das Erbrechen signifikant vermindern, eine parenterale Rehydratation war seltener notwendig. Vorsicht ist allerdings bei längerer Einnahme oder höherer Dosis geboten, weil dann eine Verlängerung der QT-Zeit möglich ist. EKG-Kontrollen sind in dem Fall erforderlich.
Flüssigkeitsgabe erfolgt schluck- oder löffelweise
Die wichtigste Massnahme bei akuter Gastroenteritis im Kindesalter stellt die orale Rehydratationstherapie mit Glukose-Elektrolyt-Lösungen dar, die das Kind schluck- oder löffelweise einnimmt. Dafür bietet sich eine Fertiglösung an, die die Rückresorption von Wasser aus dem Darm fördert.
Medikamente sind lediglich ergänzend bei bestimmten Indikationen sinnvoll. So kann Racecadotril bei wässriger Diarrhö zum Einsatz kommen. Es wirkt antisekretorisch, hemmt aber nicht die Darmmotilität. Studien konnten belegen, dass sich mit dem Arzneistoff die Diarrhö-Dauer verkürzen und die Stuhlfrequenz reduzieren lässt. Allerdings hatte die Substanz keinen Einfluss auf die Dehydratationsrate, die Hospitalisierungsdauer und auf Komplikationen. Der Effekt ist also begrenzt.
Letzteres gilt auch für Probiotika wie Lactobacillus rhamnosus GG und Saccharomyces boulardii. Ihr routinemässiger Einsatz wird in der Leitlinie daher nicht empfohlen. Antibiotika kommen nur bei schweren Verläufen mit hohem Fieber, stark reduziertem Allgemeinzustand und Sepsis-Zeichen infrage. Bei Säuglingen unter drei Monaten, Immunsuppression und bestimmten Grundleiden wie chronischer Darmerkrankung oder Hämoglobinopathie kann man die Indikation einer Antibiotika-Behandlung grosszügiger stellen. Bestimmte Keime wie Shigella, Campylobacter, Yersinia enterocolitica, Salmonella und Clostridioides difficile verursachen häufiger schwerere Verläufe, sodass je nach individueller Situation eine Antibiotika-Therapie zu erwägen, jedoch nicht obligat indiziert ist. Neben Antihistaminika raten die Autoren der Leitlinie auch von folgenden Substanzen ausdrücklich ab:
- Spasmolytika
- Adsorbenzien (z. B. Aktivkohle)
- Anticholinergika
- Phytotherapeutika und homöopathische Präparate ohne ausreichende Evidenz
Gerner P. Kinder- und Jugendärzt*in 2026; 57: 164–165.