Medical Tribune
13. Sept. 2026Social Media, KI, Pornos

Wann wird Internetkonsum bei Jugendlichen zum Problem?

Das Abtauchen in die virtuelle Welt ist verlockend, hat aber auch Risiken. Die Likes und Kommentare in den sozialen Medien fördern über eine Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn ein süchtiges Verhalten. Die Dauer, die jemand täglich im Internet verbringt, sagt jedoch wenig darüber aus, ob ein Online-Konsum problematisch ist. Wichtiger ist die Funktion, die das Internet und die sozialen Medien im Alltag einnehmen, und ob die Kontrolle über den Konsum verloren geht.

Teens in circle holding smart mobile phones – Multicultural young people using cellphones outside – Teenagers
Foto: FMK/iStock/Kar-Tr

In der Gesamtbevölkerung weisen in der Schweiz zwischen 1 % und 7,9 % der Jugendlichen einen problematischen Internetkonsum auf. «Und es wird nicht besser», wie Franz Eidenbenz, Psychologisch-Psychotherapeutische Praxis Affoltern am Albis, am Jahreskongress des Kollegiums für Hausarztmedizin (KHM) erklärte. Aber: «Wenn Menschen, die Anerkennung, Aufmerksamkeit, Liebe brauchen und zwischen virtueller und realer Welt wählen können, entscheiden sich alle für die reale.»

Im Gegensatz zu den stoffgebundenen Süchten gab es bislang keine Diagnosekriterien für die Internetabhängigkeit. Das ändert sich nun mit der ICD-11. Die Kategorie «Störungen aufgrund Suchtverhalten» enthält die Klassifikation Spielsucht und diese die Untergruppe Störungen aufgrund süchtigen Verhaltens im Zusammenhang mit sozialen Medien, Surfen, Künstlicher Intelligenz und Pornografie.

Social Media als virtuelle Kompensation und Ergänzung

«Die Diagnosekriterien sind ähnlich wie die bei stoffgebundenen Süchten», erklärte Eidenbenz. Zu ihnen gehören Dinge wie Kontrollverlust, die zunehmende Priorität gegenüber anderen Lebensaufgaben sowie Fortsetzung oder Intensivieren des Konsums trotz negativer Folgen für Beruf/Schule und soziale Kontakte.

Im Fokus steht die Funktion, die die virtuelle Welt im Leben einer Person einnimmt. Die sozialen Medien machen es einfach, das, was in der realen Welt fehlt, virtuell zu kompensieren oder zu ergänzen. Mit ihrer Hilfe lässt es sich leicht in eine andere Rolle schlüpfen oder das Aussehen verändern. «Problematisch wird der Internetkonsum dann, wenn die Nutzer Kontakte und Aufgaben im realen Leben wegen ihrer Online-Aktivitäten vernachlässigen», betonte der Referent. Viele Personen, die das Internet exzessiv nutzen, schlafen zu wenig, vernachlässigen ihre Gesundheit und essen auch nicht mehr vernünftig.

Künstliche Intelligenz ist beliebt als Ratgeber

In den letzten Jahren hat insbesondere die Nutzung der sozialen Medien stark zugenommen. Die Anzahl «User» ist mittlerweile auf 5 Mrd. weltweit angestiegen. Der virtuelle Porno-Konsum ist hingegen seit Längerem stabil und nach wie vor bei intensiven Konsumenten ein Problem. Rasant an Bedeutung gewinnt die Künstliche Intelligenz, die zunehmend für Lebenshilfe genutzt wird. Vorsicht ist geboten, wenn jemand versucht, vermehrt persönliche Probleme mit von KI generierten Bewältigungsstrategien zu lösen oder Themen wie Ängste, Einsamkeit, Suizid mit KI diskutiert. In der Beratung und Behandlung von Menschen mit einem kritischen Internetkonsum gilt es standardmässig neu zu erfassen, wie sie die virtuelle Welt, soziale Medien und KI genau nutzen, forderte Eidenbenz.

Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, ein süchtiges Online-Verhalten zu entwickeln. Bei ihnen ist der Frontalkortex und somit die Selbstkontrolle noch nicht vollständig entwickelt. «Sie brauchen Bezugspersonen, die ihnen Grenzen setzen», betonte der Referent. Soziale Medien und Online-Spiele sind so programmiert, dass sich Kinder und Jugendliche besonders gut identifizieren und von den Belohnungsmechanismen abhängig werden können. «In jeder Schulklasse gibt es mittlerweile zwei bis drei Kinder, die einen problematischen Internetkonsum haben», erklärte Eidenbenz. Die Mädchen sind in den sozialen Medien stärker vertreten als die Knaben, doch die Geschlechter-Unterschiede verschwinden zusehends.

Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich hoch

In die ambulante psychologisch-psychotherapeutische Praxis kommen in erster Linie Eltern, die sich wegen des Internetkonsums ihres Kindes Sorgen machen, oder auch junge Erwachsene. Studenten etwa suchen laut Eidenbenz Rat, wenn sie merken, sie schaffen Prüfungen nicht, weil sie exzessiv gamen oder zu lange in sozialen Medien abtauchen.

Die Dunkelziffer von Menschen mit einem kritischen Internetkonsum, die keine oder zu spät Hilfe in Anspruch nehmen, ist gross; die Hausärzte sind entsprechend gefordert. Als Grundversorger bemerken sie oft als erste, wenn der Onlinekonsum bei einem Patienten kritisch sein könnte, wenn sie danach fragen. Der Referent rät daher, bei einem Verdacht das Problem sogleich zu thematisieren.

Im Fokus stehen dabei u. a. Fragen nach Art und Zeit des Medienkonsums und ob aufgrund der exzessiven Nutzung Probleme in der realen Welt bestehen, etwa mit dem Schlaf, der Schule, der Arbeit oder mit Eltern und Freunden. In der Praxis hilfreich sind standardisierte Fragebogen (z. B. Short CIUS). «Oft verbergen sich hinter dem Internetkonsum auch andere Störungen», so der Psychologe. Bei Müdigkeit, depressivem Rückzug, ADHS, Ängsten, Leistungsabfall und ähnlichen Problemen lohnt es sich daher, den Medienkonsum genauer zu erfragen.

Für die Intervention können die Patienten auch an Spezialisten überwiesen werden. Im Internet findet sich eine Liste mit Anlaufstellen in allen Kantonen1 sowie mit Online-Beratungsstellen, die das BAG mitfinanziert.2 Für Fachpersonen stellt die FMH auf ihrer Homepage Informationen bereit.3 Tipps im Umgang mit dem Internetkonsum finden sich auch in einem vom Referenten geschriebenen Ratgeberbuch.4