Wenn die Haut die Systemerkrankung verrät
Vieles, was auf der Haut sichtbar wird, geht weit über die Haut hinaus. Acanthosis nigricans, Hidradenitis suppurativa und Erythema nodosum sind nur drei Beispiele von vielen. In ihrem Vortrag beschreibt Dr. Emel Blatter-Türkay, dermaesthetik Zürich, wie es dem Hausarzt gelingen kann, aus einer dermatologischen Blickdiagnose die richtigen Schlüsse zu ziehen.

«Die Haut ist kein isoliertes Organ», konstatiert Dr. Emel Blatter-Türkay gleich zu Beginn. Alles sei möglich: Erkrankungen, die sich zunächst auf der Haut manifestieren, aber auch innere Organe betreffen, ebenso wie internistische Probleme, die Hautkrankheiten begünstigen.
Haut als Diabetes-Frühwarnsystem
Ein prominentes Beispiel für Ersteres ist der Diabetes mellitus: Rund die Hälfte der Patienten mit langjährigem Typ-2-Diabetes weist Hautveränderungen auf. Behandlungspflichtig seien diese oft zwar nicht, so die Referentin. Sie können jedoch dieselben entzündlichen und vaskulären Prozesse widerspiegeln, die an anderen Stellen im Körper zu Komplikationen führen.
So können etwa «shin spots» auf vaskuläre und metabolische Belastungen hinweisen und Anlass geben, auch an Retinopathie, Nephropathie, periphere Neuropathie und das allgemeine kardiovaskuläre Risiko zu denken. Acanthosis nigricans und Akrochordone («Skin Tags») wiederum können Hinweise auf Hyperinsulinämie beziehungsweise Insulinresistenz und Adipositas liefern.
«shin spots» äussern sich als kleine, scharf begrenzte atrophe Makulae oder Papeln an den Unterschenkeln. Diese können innerhalb von ein bis zwei Jahren spontan abheilen. Acanthosis nigricans zeigt sich als samtig verdickte, bräunliche Haut, typischerweise lokalisiert am Hals oder in Hautfalten, und sollte insbesondere bei Kindern an einen gestörten Glukosestoffwechsel denken lassen. Akrochordone wiederum sind mit Insulinresistenz und Adipositas assoziiert. Seltenere diabetische Hautbegleiter sind die Necrobiosis lipoidica und das Scleredema diabeticorum, das sich durch Hautverdickungen im Nackenbereich bemerkbar macht.
Finden sich solche Veränderungen, gehe es in erster Linie darum, die systemischen Risiken zu erkennen und die darunterliegenden Störungen zu behandeln, so die Expertin. Je nach Befund gehören dazu etwa die Kontrolle des Glukosestoffwechsels und des kardiometabolischen Risikoprofils. Bei guter Blutzuckereinstellung können sich bestimmte Hautsymptome wie die Acanthosis nigricans wieder zurückbilden.
Wenn die Hautkrankheit systemisch wird
Der Spiess lässt sich aber auch umdrehen. «Chronische Hautentzündungen sind eigentlich auch Systementzündungen», erinnert Dr. Blatter-Türkay. Als prototypisch gilt die Psoriasis: Sichtbar sind Plaques und Nagelveränderungen, unsichtbar bleibt hingegen häufig das gleichzeitig deutlich erhöhte Risiko der Patienten für ein metabolisches Syndrom, Adipositas, Hypertonie und Diabetes.
Pathophysiologisch erklärt sich die Verbindung über die systemische Entzündung: Proinflammatorische Zytokine bleiben keineswegs nur auf das entzündliche Hautgewebe begrenzt, sondern gelangen in die Zirkulation und begünstigen über eine systemische Low-Grade-Entzündung Insulinresistenz und endotheliale Dysfunktion. Im Gefässsystem fördert die Entzündung oxidativen Stress, Gefässsteifigkeit, Hypertonie und Atherosklerose.
Viszerales Fett wirkt bei der Psoriasis zusätzlich als inflammatorisches Organ: Eine Adipositas kann das Psoriasisrisiko erhöhen und das Ansprechen auf Biologika verschlechtern. Umgekehrt fördern zirkulierende Zytokine die Insulinresistenz; diese wiederum viszerales Fett. Gelenkschmerzen, Stigmatisierung und Depression können die körperliche Aktivität der Patienten zusätzlich reduzieren. Gewichtsreduktion sei deshalb mehr als allgemeine Gesundheitsvorsorge: «Sie kann die Psoriasis verbessern.»
Klinisch relevant sind diese Punkte insbesondere bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Psoriasis. Ihr kardiovaskuläres Risiko bleibt auch nach Korrektur klassischer Risikofaktoren erhöht; lange Krankheitsdauer, weibliches Geschlecht und Psoriasisarthritis steigern die Relevanz zusätzlich. Für den Hausarzt ergibt sich dadurch ein einfacher Reflex: Blutdruck, Lipidprofil und Glukosestoffwechsel kontrollieren sowie Gewicht, Rauchen und Bewegung im Blick behalten.
Ein weiterer Fall, bei dem eine dermatologische Diagnose ein systemisches Screening auslösen sollte, ist die Hidradenitis suppurativa. Viele Patienten rauchen – zusätzlich besteht häufig Adipositas beziehungsweise ein metabolisches Syndrom, Diabetes, Hypertonie oder Dyslipidämie. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Spondyloarthritis – bei Frauen kommen zudem häufiger PCOS und Hyperandrogenismus hinzu. Gerade bei der Hidradenitis suppurativa seien zudem Depressionen und ausgeprägte Scham häufig – die Erkrankung kann Sexualität und Lebensqualität massiv beeinträchtigen.
Bei Hidradenitis suppurativa reichen Antibiotikum und Inzision daher nicht aus, so die Botschaft der Referentin. Vielmehr brauche es ein Systemprofil – metabolisch, gastrointestinal, muskuloskelettal und psychosozial.
Wenn die Haut dem Darm zuvorkommt
Besonders stark ist auch die Verbindung zwischen Haut und Darm. Die zwei Organe teilen Immunachsen; beide sind Barriereorgane und werden durch Mikrobiom sowie Umwelt- und Lebensstilfaktoren beeinflusst.
In der Praxis äussert sich das dadurch, dass bei rund einem Viertel der Patienten mit kutanen extraintestinalen Manifestationen einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED) bereits vor der Diagnose der CED Hautveränderungen auftreten. «Sie als Hausarzt können aktiv nach gastrointestinalen Symptomen fragen», appellierte Dr. Blatter-Türkay. Ein früher Einsatz von Biologika kann die Entwicklung späterer Hautmanifestationen zudem reduzieren.
Zu den typischen reaktiven Manifestationen bei CED gehört das Erythema nodosum, das sich durch symmetrische, rote bis violette, schmerzhafte subkutane Knoten äussert, die bevorzugt prätibial auftreten. Neben einer CED kommen auch andere Auslöser infrage – darunter Sarkoidose, Streptokokkeninfektionen, bestimmte Medikamente und Schwangerschaft. Zusätzliche Red Flags für eine CED sind junges Alter, weibliches Geschlecht, niedriger BMI, Gewichtsverlust und Anämie sowie gastrointestinale Symptome.
Eine weitere mögliche dermatologische Komorbidität einer CED ist das Pyoderma gangraenosum, das zunächst mit Papeln oder Pusteln beginnt und sich rasch zu stark schmerzhaften nekrotischen Ulzera mit lividem unterminiertem Rand entwickeln kann. «Wichtig ist, es nicht zu debridieren, sondern zuerst die Diagnose zu klären», warnte Dr. Blatter-Türkay – denn nach Traumata können neue Läsionen entstehen.
Seltener, aber mit oft dramatischer Optik, ist der metastatische Morbus Crohn. Die kutanen Manifestationen können der intestinalen Erkrankung Monate bis Jahre vorausgehen – insbesondere bei Kindern – und auch völlig ohne gastrointestinale Beschwerden auftreten. Typisch sind Veränderungen im anogenitalen Bereich einschliesslich Ödeme, Schwellungen, Ulzerationen sowie messerartiger Fissuren und Fisteln. «Die Diagnose wird mit einer Hautbiopsie gestellt – aber dafür muss man wirklich aktiv daran denken», betont Dr. Blatter-Türkay. Die Hautveränderungen sprechen aber meist gut auf Kortikosteroide oder Biologika an.
Vortrag « Dermatologische Symptome bei internistischen Erkrankungen» Dr. Emel Blatter-Türkay, FomF Allgemeine Innere Medizin Update Refresher, 22. – 26. Juni 2026
