Osteoporose: Serumalbumin als neuer Biomarker?
Trotz moderner Therapien gegen Osteoporose bleibt ein Kernproblem ungelöst: Viele Patienten mit hohem Frakturrisiko werden im klinischen Alltag zu spät oder gar nicht diagnostiziert. Eine aktuelle schwedische Kohortenstudie untersuchte, ob sich Serumalbumin als Biomarker eignen könnte.

Das weltweit etablierte Fracture Risk Assessment Tool (FRAX®) schätzt zwar die 10-Jahres-Wahrscheinlichkeit osteoporotischer Frakturen, erfasst jedoch Faktoren wie Gebrechlichkeit, Entzündungen und funktionellen Abbau nur unzureichend.
Vor diesem Hintergrund rücken einfache und breit verfügbare Biomarker zunehmend in den Fokus. Serumalbumin, ein in der Leber gebildetes Protein, gilt seit Langem als Marker für Ernährungsstatus, Entzündung und Gebrechlichkeit.
Serumalbumin als vielseitiger Marker
Niedrige Albuminspiegel finden sich häufiger bei chronischen Erkrankungen, systemischen Entzündungen, funktionellem Abbau und erhöhter Mortalität. Zudem deuten frühere Studien darauf hin, dass erniedrigte Albuminwerte mit einer geringeren Knochenmineraldichte und einem erhöhten Frakturrisiko assoziiert sein könnten. Auch der prognostische Ernährungsindex (PNI), der sich aus Serumalbumin und der Gesamtlymphozytenzahl berechnet, wird als Marker diskutiert. Seine Rolle für Knochengesundheit und Frakturrisiko blieb jedoch bislang unklar.
Ein Team um Raju Jaiswal vom Sahlgrenska University Hospital in Göteborg untersuchte daher, ob Serumalbumin und PNI unabhängige Marker für osteoporotische Frakturen im Alter sein könnten. An der prospektiven Kohortenstudie nahmen knapp 3000 schwedische Frauen im Alter von 75–80 Jahren teil.
Zu Beginn der Studie entnahmen die Forscher Blutproben, bestimmten die Knochenmineraldichte mittels Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) und analysierten die Knochenmikroarchitektur und -zusammensetzung mit hochauflösender peripherer quantitativer Computertomografie (HR-pQCT). Die körperliche Funktion bewerteten sie mit standardisierten Tests, Frakturen überprüften sie anhand regionaler Röntgenarchive, und verletzungsbedingte Stürze sowie Todesfälle erfassten sie aus Registern.
Höheres Frakturrisiko bei niedrigem Albumin und PNI
Während der durchschnittlich achtjährigen Nachbeobachtung registrierten die Forscher 229 Hüftfrakturen, 789 grössere osteoporotische Frakturen, 1059 Frakturen insgesamt, 499 verletzungsbedingte Stürze und 551 Todesfälle.
Auffällig war: Frauen mit niedrigen Albumin- oder PNI-Werten hatten ein signifikant höheres Risiko für grössere osteoporotische Frakturen und Frakturen insgesamt – unabhängig von klassischen Risikofaktoren, der Schenkelhals-Knochendichte und der körperlichen Funktion.
Albumin als Biomarker für Frailty und Vulnerabilität
Gleichzeitig zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen höheren Albuminspiegeln und besserer körperlicher Leistungsfähigkeit, weniger Stürzen und geringerer Mortalität. Der PNI wies ähnliche, aber schwächere Effekte auf. Überraschend war jedoch, dass weder Albumin noch PNI relevant mit der gemessenen Knochendichte assoziiert waren. Auch die HR-pQCT-Analysen ergaben keine konsistenten Veränderungen der Knochenmikroarchitektur. Dies deutet darauf hin, dass Albumin weniger ein Marker für «schlechte Knochen» ist, sondern vielmehr für Frailty, funktionellen Abbau und erhöhte Vulnerabilität im Alter, so die Autoren.
Bemerkenswert war, dass nur 0,5 % der Teilnehmerinnen eine manifeste Hypoalbuminämie aufwiesen. Das erhöhte Frakturrisiko war somit nicht Ausdruck einer ausgeprägten Mangelernährung, sondern offenbar bereits bei moderat niedrigeren Albuminspiegeln relevant.
Jaiswal R et al. Serum albumin and the Prognostic Nutritional Index independently predict fracture risk in elderly womenSerum albumin and the Prognostic Nutritional Index independently predict fracture risk in elderly women. J Bone Miner Res. 2026: zjag063. doi: 10.1093/jbmr/zjag063