Medical Tribune
5. Juni 2026Belastungsfehler korrigieren statt nur Schmerzen behandeln

Überlastungssyndrome und Tendinopathien in der Praxis

Achillodynie, Patellaspitzensyndrom oder Shin Splints: Überlastungssyndrome gehören zu den häufigsten Gründen für sportmedizinische Konsultationen. Doch entgegen der weit verbreiteten Vorstellung liegt die Ursache meist nicht allein in einer Entzündung. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel aus chronischen Umbauprozessen, falscher Belastung und unzureichender Regeneration. Die wichtigste Massnahme ist laut Dr. Daniele Angelella (Medbase Luzern Allmend) daher meist weder Spritze noch Medikament, sondern eine intelligente Belastungssteuerung.

Läuferin mit schmerzendem Knie
Ratirat/stock.adobe.com
Beim «Läuferknie» sollte auch die Lauftechnik mitberücksichtigt werden.

Hinter Überlastungssyndromen steckt oft eine zu schnelle Belastungssteigerung, erklärt Dr. Angelella.

Genauso problematisch wirkt sich monotone Belastung aus: «Wer jeden Tag die gleiche Strecke läuft oder täglich im Schwimmbad immer nur krault, kann sich irgendwann eine Überlastung der betroffenen Gelenke zuziehen». Ein wichtiger Schutzfaktor ist daher eine gesunde Variation im Training – genauso wie ausreichende Regeneration mit adäquatem Schlaf und Ernährung.

Entzündung ist selten die einzige Ursache

In der Praxis liegen zudem meist Belastungsfehler vor. Kritische Momente im Sportlerleben sind etwa Trainingslager, der Wiedereinstieg nach Verletzungen, Wettkampfphasen oder ein neues Trainingsprogramm; manchmal reicht laut Dr. Angelella aber auch eine zu lange Wochenendwanderung oder ein beruflicher Wechsel aus, um bestehende Strukturen zu überfordern. Zusätzlich zur sportlichen muss auch immer die parallele berufliche Belastung berücksichtigt werden.

Therapeutisch greife man bei Überlastungssyndromen zwar zu schnell zu Entzündungshemmern, kritisiert der Sportmediziner, die Entzündung spiele aber vor allem in der Akutphase der Probleme eine Rolle; «später überwiegen chronische Umbauprozesse und Fehlbelastungen, die Entzündungshemmer nicht beheben können».

Auch gezielte Schonung hilft oft nur so lange, bis die ursprüngliche Belastung wieder aufgenommen wird – stattdessen empfiehlt sich die Belastungsanpassung. Leichte Bewegung bleibt dabei meist ausdrücklich erlaubt;  ein vollständiger Belastungsstopp ist nicht empfehlenswert, da eine absolute Ruhigstellung Verklebungen und Konditionsverlust begünstigen kann.

Grossen Stellenwert räumt Dr. Angelella zudem Übungsprogrammen (häufig exzentrisch) ein, die die Sehne durch langsame, kontrollierte Steigerung der Beanspruchung schrittweise wieder belastbarer machen sollen. Wichtig sei dabei eine realistische Schmerzsteuerung: «Schmerzen von drei, maximal vier auf einer Skala von zehn sind bei diesen Übungen akzeptabel.» Vollständige Schmerzfreiheit während des Trainings ist hingegen weder notwendig noch immer sinnvoll.

Bei hartnäckigen Verläufen kommen zusätzlich interventionelle Verfahren zu Einsatz, darunter die fokussierte Stosswellentherapie, die perkutane Elektrolyse oder Eigenbluttherapien (PRP).

Achillodynie braucht kein Kortison!

Ein klassisches Beispiel ist die im Laufsport häufige Achillodynie. Sie präsentiert sich klassischerweise mit Morgensteifigkeit und belastungsabhängigen Schmerzen, die sich meist schon beim Aufwärmen bemerkbar machen.

Bei einer Achillodynie sind Spazierengehen und leichtes Joggen erlaubt, Bergauf-Laufen, Sprints oder lange Wanderungen sollten vorübergehend reduziert werden. Zur exzentrischen Belastung empfiehlt der Experte zunächst isometrische Übungen in Wadenhebe-Position. Später können konzentrische und insbesondere exzentrische Varianten dieser «Heel Drops» ergänzt werden. Von Kortison-Injektionen rät er ab.

Während eine Bildgebung bei Überlastungssyndromen grundsätzlich nicht immer notwendig ist, empfiehlt Dr. Angelella bei insertionellen Tendinopathien frühzeitig ein Röntgenbild, um knöcherne Veränderungen wie eine Haglund-Exostose zu erkennen. «Das kann prognostisch relevant sein, da das Rezidivrisiko extrem hoch ist.»

Hinter dem Patellaspitzensyndrom steckt häufig eine «groteske» Fehlbelastung

Das Patellaspitzensyndrom – oder Jumper’s Knee – tritt vor allem bei Sportarten mit vielen Sprung- und Landebewegungen auf. Häufig liegen biomechanische Defizite zugrunde, etwa eine eingeschränkte Sprunggelenks- oder Hüftbeweglichkeit sowie mangelnde Rumpfkontrolle.

Bei mehr als 50 Prozent der Betroffenen liegt ein dynamischer Knievalgus vor, bei dem das Knie während der Abwärtsbewegung nach innen abweicht. Diagnostisch lässt Dr. Angelella Patienten einen Einbein-Squat ausführen – filmt man gleichzeitig mit, kann man diesen die Fehlbelastung erklären und sie die korrekte Bewegung zuhause vor dem Spiegel üben lassen.

Auch beim Patellaspitzensyndrom beginnt die Therapie zunächst mit isometrischen Übungen wie dem Wall-Sit. Ergänzend kommen Bandagen, Stosswellen oder Elektrolyse zur Anwendung. Zusätzlich besteht eine etwas bessere Datenlage für die PRP.

Tennis-/Golferellenbogen: Kortison hilft kurzfristig, schadet langfristig

Hinter medialen und lateralen Epikondylitiden mit Schmerzen beim Greifen und Drehen stecken meist repetitive Handgelenksbewegungen. Häufig sind daher Kellner, Maurer oder andere Berufsgruppen mit hoher manueller Belastung betroffen.

Auch hier besteht die Therapie in erster Linie in einer Anpassung der Aktivität sowie der exzentrischen Kräftigung der Unterarmmuskulatur, Stosswellen und Elektrolyse. Kortison-Injektionen funktionieren laut Dr. Angelella kurzfristig sehr gut, längerfristig scheinen sie aber sogar zu schaden.

Genau umgekehrt verhalte es sich mit Eigenblutbehandlungen, die die Prognose langfristig verbessern können – nachdem sie oft zuerst zu einer akuten Verschlechterung führen: «Erst nach ungefähr einem Monat beginnt die Verbesserung.»

Läuferknie, Shin Splints und Stressfrakturen

Eine weitere Überlastungserscheinung aus dem Laufsport ist das Tractus-iliotibialis-Syndrom («Läuferknie», iliotibiales Bandsyndrom, ITBS). Es resultiert vor allem aus Defiziten der Hüftabduktoren, einem Genu varum oder einer übertriebenen Fuss-Supination. Therapeutisch stehen die Optimierung der Lauftechnik sowie eine Detonisierung der Fascia lata mittels Faszienrolle im Vordergrund. «Rollen, rollen, rollen», lautet die Botschaft von Dr. Angelella. Anfangs werde dies oft als äusserst schmerzhaft empfunden, in den meisten Fällen zeige sich jedoch bereits nach etwa zwei Wochen eine deutliche Besserung.

Bei einem vermuteten Schienbeinkantensyndrom (Shin Splints) sei es wichtig, zunächst Stressfrakturen abzugrenzen. Während die Schmerzen beim Schienbeinkantensyndrom klassischerweise diffus entlang der medialen Tibiakante verlaufen, müsse insbesondere bei vorderen, punktuellen Schmerzen sofort an eine Stressfraktur gedacht werden. In solchen Fällen sei die Bildgebung grosszügig einzusetzen.

Laut dem Sportmediziner können Stressfrakturen aber noch etwas anderes bedeuten. Sie sind ein Begleitsymptom der relativen Energieverfügbarkeitsstörung (Relative Energy Deficiency in Sport, RED-S), früher als «Female Athlete Triad» bezeichnet. Hintergrund ist sportliche Belastung bei gleichzeitigem Kaloriendefizit; zu den Symptomen gehören neben Stressfrakturen auch Müdigkeit, Menstruationsstörungen, mangelnde Libido, häufige Infekte und Leistungsknicks. «Oft sieht man Betroffene, weil sie einen Eisenmangel abklären wollen", so Dr. Angelella. Bei gleichzeitigem Auftreten mehrerer typischer Symptome rät er, konkret nachzufragen.

Die Betreuung des RED-S ist komplex und erfordert meist ein interdisziplinäres Team aus Sportmedizin, Ernährungsberatung, Psychologie und gegebenenfalls Gynäkologie oder Endokrinologie.