Medical Tribune
3. Juni 2026Weniger Entzündung, aber mehr schleichende Schäden

MS in der Menopause

Mit dem Alter verändern sich Schweregrad und Verlauf der Multiplen Sklerose. Diesen Prozess könnte die Menopause zusätzlich beeinflussen. Das hat Implikationen für die ärztliche Betreuung der betroffenen Frauen – auch wenn viele Fragen noch offen sind.

Frau in Gedanken vor dem Laptop.
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Multiple Sklerose (MS) betrifft überwiegend Frauen, die im Lauf ihres Lebens in die Wechseljahre kommen. Die dann erfolgenden physiologischen Veränderungen beeinflussen die Blutgefässe, das Immunsystem und neurologische Funktionen.

Mit zunehmendem chronologischem Alter verändern sich bei MS-Erkrankten oft zudem generell der Schweregrad und die Progression der Erkrankung. Wie sich die durch MS bedingte Neuroinflammation und die mit dem chronologischen sowie dem reproduktiven Altern einhergehenden Veränderungen gegenseitig beeinflussen, sei bisher allerdings ungenügend erforscht, schreiben Autoren um Dawn­ ­Morgan­ von der gemeinnützigen Forschungsorganisation «Accelerated Cure Project for Multiple Sclerosis» in Waltham (USA).

Fehlende Aufmerksamkeit in klinischen Leitlinien

Weil der Faktor Menopause bisher in den klinischen Leitlinien zu wenig berücksichtigt wird, wertete das Team insgesamt 19 zwischen 2018 und 2025 veröffentlichte Publikationen zum Thema aus, darunter 18 Beobachtungsstudien.

Die Frauen hatten im Alter zwischen 30 und 60 Jahren ihre entweder chirurgisch bzw. medikamentös bedingte oder natürliche Menopause erlebt. Die meisten litten an einer schubförmig remittierenden MS mit leichter bis moderater Beeinträchtigung.

Insgesamt kommt das Autorenteam zu dem Schluss, dass die Menopause einen möglichen (unabhängigen) Wendepunkt im Krankheitsverlauf der MS darstellt. Die Wechseljahre mit ihren biologischen und hormonellen Veränderungen scheinen den allgemeinen Verlauf der MS bei älteren Betroffenen zu beschleunigen. Das äussere sich in einer ­Abnahme der inflammatorischen Aktivität und damit der Rückfälle bei zunehmender Neurodegeneration und schwereren funktionalen Beeinträchtigungen.

Allerdings gab es auch widersprüchliche Ergebnisse. Diese Heterogenität sei wahrscheinlich Folge methodischer Differenzen, u. a. bei der Definition der Menopause und bei der statistischen Berücksichtigung des chronologischen Alters, so die Autoren. In einigen Studien wurden PROs (Patient-Reported Outcomes) berücksichtigt. Kritisch sehen die Forscher aber, dass sich unter den Studien keine fand, in der mit einem qualitativen oder Mixed-Methods-Design das persönliche Erleben und psychosoziale Aspekte der MS während der Menopause der betroffenen Frauen untersucht wurden.

Gesamtheitlichere Versorgung erwünscht

Ärzte sollten ihre MS-Patientinnen in den Wechseljahren besonders sorgfältig betreuen und dabei auf die Entzündungsaktivität und auch geringste Hinweise für eine Progression achten, resümieren die Forscher.

Dabei stellt auch die Überlappung der einerseits durch die Menopause und andererseits durch MS bedingten Symptome im Bereich von u.a. Kognition, Stimmung und Erschöpfung eine grosse Herausforderung für die individuell angepasste MS-Therapie dar. Hilfreich könnten hier auch Lebensstiländerungen sein, darunter Ernährung und Sport. Künftige (Langzeit-)Studien sollten neben den oben genannten Punkten auch diese Themen stärker untersuchen, um in dieser Lebensphase eine gesamtheitlichere Versorgung der Patientinnen zu ermöglichen.