Medical Tribune
29. Mai 2026ICD-11

Angsterkrankungen: Neue Klassifikation und therapeutische Perspektiven

Angsterkrankungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen und ihre Relevanz nimmt weiter zu. Aktuelle Daten zeigen eine deutliche Zunahme der Prävalenz. Mit der ICD-11 werden Angsterkrankungen nun als «angst- oder furchtbezogene Störungen» neu strukturiert. Prof. Dr. Dr. Katharina Domschke (Universitätsklinikum Freiburg) fasst zentrale Neuerungen in Klassifikation, Neurobiologie und Pharmakotherapie zusammen und ordnet sie für die klinische Praxis ein.

Angsterkrankungen
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Eine der wichtigsten Neuerungen bei Angststörungen betrifft deren Klassifikation im Zuge der Einführung der ICD-11. Während diese im ICD-10 noch gemeinsam mit neurotischen, Belas­tungs- und somatoformen Störungen in einer heterogenen Kategorie zusammengefasst waren, werden sie künftig als eigenständige Gruppe der «Angst- oder furchtbezogenen Störungen» geführt.

Diese begriffliche und konzeptuelle Neuausrichtung ist mehr als eine rein formale Anpassung, meint Prof. Domschke, Ärztliche Direktorin, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg. Denn sie greift eine lange theoretische Tradition auf, die zwischen Angst als einem eher diffusen, zukunftsgerichteten und schwer greifbaren Zustand und Furcht als einer konkreten, objektbezogenen Reaktion unterscheidet. Während Angst in diesem Sinne als «frei flottierendes Phänomen» interpretiert wird, bezieht sich Furcht auf spezifische Situationen oder Objekte.

Neurobiologische Grundlagen

Diese Differenzierung ist nicht nur philosophisch oder psychodynamisch begründet, sondern lässt sich auch neurobiologisch abbilden. So zeigen aktuelle Befunde, dass furchtbezogene Prozesse stärker mit der Amygdala assoziiert sind, während angstbezogene Zustände vermehrt präfrontale Netzwerke involvieren. Insbesondere der dorsolaterale präfrontale Cortex spielt hierbei eine zentrale Rolle. Er weist bei angstgeprägten Störungen wie der generalisierten Angststörung (GAD) oder der Panikstörung eine verminderte Aktivität auf. Diese Erkenntnisse tragen wesentlich zum Verständnis unterschiedlicher klinischer Phänotypen bei.

Mit der ICD-11 werden zudem mehrere konkrete diagnostische Änderungen umgesetzt. Die bisherige soziale Phobie wird konzeptuell erweitert und als soziale Angststörung bezeichnet. Somit bildet sie sowohl situations­gebundene als auch antizipatorische Angstaspekte besser ab.

Die Agoraphobie wird als eigenständige Diagnose geführt und kann unabhängig von einer Panikstörung kodiert werden. Darüber hinaus wurden mit der Trennungsangststörung und dem selektiven Mutismus zwei Störungsbilder in die Gruppe aufgenommen, die bislang vor allem dem Kindes- und Jugendalter zugeordnet wurden (siehe Kasten). Prof. Domschke betont, dass diese Erkrankungen «eben nicht nur im Kindes- und Jugendalter auftreten», sondern auch im Erwachsenenalter klinisch relevant sind.

Neue Störungsbilder in der ICD-11

Mit der ICD-11 werden die Trennungsangststörung und der selektive Mutismus erstmals den angst- bzw. furchtbezogenen Störungen zugeordnet. Beide Störungsbilder galten bislang primär als Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters, werden nun jedoch ausdrücklich auch für das Erwachsenenalter anerkannt.

  • Die Trennungsangststörung ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte, entwicklungsunangemessene Angst vor der Trennung von wichtigen Bezugspersonen. Klinisch stehen persistierende Sorgen um das Wohlergehen der Bezugsperson, ausgeprägtes Vermeidungsverhalten (z. B. Alleinsein, Reisen, Übernachten ausserhalb) sowie nicht selten Panikattacken im Vordergrund.
    Während bei Kindern meist die Eltern im Fokus stehen, beziehen sich die Ängste im Erwachsenenalter häufig auf Partner. Für die Diagnostik im Erwachsenenalter liegt mit dem Adult Separation Anxiety Questionnaire (ASA-27) ein validiertes Instrument vor, das eine Abgrenzung gegenüber generalisierter Angststörung (GAD) und abhängigen Persönlichkeitszügen unterstützen kann.
  • Der selektive Mutismus beschreibt eine situationsgebundene Unfähigkeit zu sprechen in spezifischen, als angstbesetzt erlebten sozialen Kontexten bei gleichzeitig erhaltener Sprachfähigkeit in sicheren Umgebungen. Die Störung ist mit erheblicher psychosozialer Beeinträchtigung verbunden und wird als Ausdruck ausgeprägter sozialer Angst verstanden.
    Auch im Erwachsenenalter kann selektiver Mutismus persistieren oder sich neu manifestieren.

Die Aufnahme beider Störungsbilder in die Gruppe der Angststörungen trägt ihrer klinischen, ätiologischen und therapeutischen Nähe zu anderen Angsterkrankungen Rechnung. Sie erweitert das diagnostische Spektrum insbesondere im Erwachsenenbereich.

Parallel zu diesen konzeptuellen Entwicklungen rückt die Epidemi­ologie zunehmend in den Fokus. Angsterkrankungen zählen zu den häufigsten psychischen Störungen. Die 12-Monats-Prävalenz (1) liegt bei rund 14 Prozent der Bevölkerung in der Europäischen Union (vs. 6,9 Unipolare Depression).

Neuere Studien liefern nun Hinweise darauf, dass die Prävalenzen steigen. Daten aus den Niederlanden (2) zeigen eine Zunahme um etwa 50 Prozent innerhalb von gut zehn Jahren. Populationsbasierte Analysen aus Dänemark (3) belegen deutliche Kohorteneffekte mit steigenden Erkrankungsraten in jüngeren Generationen. Auch Krankenkassendaten weisen auf einen deutlichen Anstieg hin.

Ursachen steigender Prävalenzen

Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielschichtig und lassen sich im Rahmen eines Vulnerabilitäts-Stress-Modells beschreiben. Auf biologischer Ebene spielen genetische Dispositionen, Veränderungen neuronaler Netzwerke sowie spezifische psychophysiologische Besonderheiten wie eine erhöhte CO₂-Sensitivität eine Rolle.

Gleichzeitig wirken zahlreiche Umweltfaktoren auf die Entstehung und Aufrechterhaltung von Angsterkrankungen ein. Dazu zählen globale Krisen, Kriege und klimatische Bedrohungsszenarien ebenso wie individuelle Belastungen.

Hinzu kommt die zunehmende mediale Präsenz negativer Nachrichten, die, wie Prof. Domschke formuliert, «emotionalisierend und alarmistisch an Mann und Frau gebracht werden». In der Folge entsteht eine Gesellschaft, die insgesamt «alert» ist und möglicherweise anfälliger für Angsterleben wird. Epigenetische Mechanismen vermitteln dabei zwischen biologischen und Umweltfaktoren und tragen zur individuellen Ausprägung bei.

Cannabis erhöht das Risiko

Ein besonders kontrovers diskutierter Risikofaktor ist der Konsum von Cannabis. Prof. Domschke positioniert sich hier klar. Sie verweist auf aktuelle Studiendaten (4), die ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Angsterkrankungen bei regelmässigem Konsum zeigen. In dieser kanadischen Langzeitstudie hatten Konsumenten ein rund vierfach erhöhtes Erkrankungsrisiko, eine Angststörung zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund betont sie, dass Cannabis, vor allem hochpotentes, nach derzeitiger Studienlage «keinesfalls als Therapeutikum zu Nutzen ist». Vielmehr muss es als Risikofaktor betrachtet werden .

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