Antidepressiva in der Schwangerschaft: Mehr hypertensive Komplikationen unter SNRI
Antidepressiva kommen in der Schwangerschaft immer häufiger zum Einsatz – allerdings nicht ohne Risiken. Denn Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) fördern hypertensive Schwangerschaftserkrankungen. Darauf weist eine aktuelle Studie hin.

Epidemiologische Daten zeigen, dass etwa 5–10 % aller Schwangeren eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung entwickeln, darunter Gestationshypertonie, Präeklampsie oder Eklampsie. Trotz moderner geburtshilflicher Versorgung zählen diese Erkrankungen weiterhin zu den wichtigsten Ursachen maternaler Morbidität und Mortalität.
Antidepressiva unter Verdacht
In den letzten Jahren stieg die Verschreibung von Antidepressiva wie selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) und SNRI während der Schwangerschaft. Vor allem SNRI stehen im Verdacht, das Risiko für hypertensive Komplikationen zu erhöhen, da sie neben Serotonin auch Noradrenalin im Blut steigern. Dies führt zu einer verstärkten Vasokonstriktion und damit potenziell auch zu einem Blutdruckanstieg.
Forscher um Prof. Dr. Anick Bérard von der University of Montreal lieferten nun neue Daten für einen direkten Sicherheitsvergleich beider Substanzklassen. In einer populationsbasierten Kohortenstudie analysierten die Wissenschaftler das Risiko hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen bei Frauen mit diagnostizierter Depression oder Angststörung, die entweder mit einem SSRI oder einem SNRI behandelt wurden. Ausgeschlossen waren Patientinnen mit vorbestehender chronischer Hypertonie sowie Frauen, die andere Antidepressiva einnahmen. Als Medikamenteneinnahme galt, wenn die Schwangeren ein Rezept für ein SSRI oder SNRI eingelöst hatten, das in der 20. Schwangerschaftswoche noch gültig war. Die Wissenschaftler berücksichtigten, ob und wie lange die Frauen das Medikament einnahmen. Die Nachbeobachtung endete mit dem Auftreten einer hypertensiven Erkrankung bzw. nach der Entbindung, beim Absetzen des Medikaments oder – falls kein Ereignis eintrat – mit Studienende.
Bei Schwangeren SSRI bevorzugen
Insgesamt erfüllten 3471 Schwangerschaften die Einschlusskriterien. Davon nahmen 69,5 % in der 20. Woche SSRI und 30,5 % SNRI ein. Von diesen Frauen entwickelten 241 eine hypertensive Erkrankung. Die beiden Vergleichsgruppen ähnelten sich in Bezug auf die Basischarakteristika. Allerdings hatten Frauen, die SNRI einnahmen, im Jahr vor der Schwangerschaft seltener einen Facharzt für Psychiatrie aufgesucht. Die zugrunde liegende psychiatrische Erkrankung war kein relevanter Störfaktor, da die Wissenschaftler die Patientinnen direkt miteinander verglichen.
Die Ergebnisse zeigten, dass Schwangere unter SNRI-Exposition in der zweiten Schwangerschaftshälfte ein signifikant höheres Hypertonie-Risiko aufwiesen als Frauen, die SSRI einnahmen (adjustierte Hazard Ratio ‹aHR› 1,80). Das galt sowohl für das Auftreten einer Gestationshypertonie als auch einer Präeklampsie oder Eklampsie. Die Forscher untersuchten zudem die verschiedenen Wirkstoffe untereinander, wobei der SNRI Venlafaxin ein deutlich höheres Risiko aufwies als Sertralin, der SSRI mit dem besten Sicherheitsprofil (aHR 1,58). Unter den SSRI gab es hingegen keine relevanten Risikounterschiede.
Die Daten untermauern damit bisherige Erkenntnisse zum Wirkmechanismus von Noradrenalin. Die Forscher fanden jedoch keinen Hinweis auf eine mögliche Dosis-Wirkungs-Beziehung, da die Einnahmedauer die beobachteten Unterschiede nicht erklären konnte.
Die Studie legt damit nahe: Ist in der Schwangerschaft eine Behandlung mit Antidepressiva notwendig, stellen SSRI im Vergleich zu SNRI die risikoärmere Wahl dar, so das Fazit der Autoren.
Bérard A et al. Serotonin-norepinephrine reuptake inhibitors vs selective serotonin reuptake inhibitors and the risk of hypertensive disorders of pregnancy. Am J Obstet Gynecol. 2026: S0002-9378(26)00060-8. doi: 10.1016/j.ajog.2026.01.032.