Medical Tribune
30. Apr. 2026Auf korrekte Einteilung und symptomgerechte Therapie achten

Divertikel im Kolon: Was jetzt zu beachten ist

Zwar bleiben Divertikel im Kolon häufig asymptomatisch, doch die Krankheitslast durch konsekutive Entzündungen nimmt zu. Um Betroffene optimal zu versorgen, hat ein Expertengremium neue Erkenntnisse zu den zentralen Fragen zusammengetragen.

Koloskopische Aufnahme einer eitrigen Divertikulitis: Entzündete Divertikel im Kolon mit sichtbarer Pusansammlung.
Science Photo Library / CAMAL

Die Prävalenz von Kolon­diver­ti­keln steigt mit dem Alter. Während bei den unter 40-Jährigen nur etwa 5 % von einer Divertikulose betroffen sind, erhöht sich dieser Prozentsatz in der Gruppe der über 85-Jährigen auf bis zu 65 %. Jede bzw. jeder Vierte bis Fünfte entwickelt Symptome, womit definitionsgemäss eine Divertikelkrankheit vorliegt. Diese wiederum weist ein breites klinisches Spektrum auf und lässt sich weiter unterteilen (s. Kasten).

Definitionen und klinische Befunde

  • Divertikulose: Vorliegen von ­Divertikeln ohne Symptome
  • Divertikelkrankheit: Ober­begriff für Ausstülpungen, die mit ­Beschwerden und/oder Komplikationen einhergehen
  • symptomatische unkomplizierte Divertikelkrankheit (SUDD): rezidivierende abdominelle Symptome im Zusammenhang mit Divertikeln (z. B. lokalisierte Schmerzen, Blähungen, Änderung der Stuhlgewohnheiten) ohne Komplikationen
  • akute Divertikulitis: Bauchschmerzen, erhöhte Entzündungsmarker, evtl. Fieber, Inflammationszeichen in der Bildgebung; das Spektrum reicht von milden selbstlimitierenden Episoden bis hin zum komplizierten Verlauf mit Abszess, Fistel, Perforation oder Organdysfunktion

Die Erkrankung belastet die Patienten sowie die Gesundheitssysteme zunehmend. Weltweit geht die Zahl an Spitaleinweisungen aufgrund einer akuten Divertikulitis nach oben, insbesondere bei jüngeren Personen. Derweil sind Hospitalisierungen vor allem bei älteren Menschen mit einer erheblichen Mortalität verbunden, schreibt eine Expertengruppe unter Federführung von Prof. Dr. Antonio­ ­Tursi­ von der lokalen Gesundheitsbehörde ASL, Andria, Italien. Ihr Konsensuspapier soll evidenzbasierte Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um Kolonausstülpungen liefern.

Welche Risikofaktoren sind bekannt?

Während eine ballaststoffreiche Ernährung protektiv wirkt, erhöhen Faktoren wie Rauchen oder Adipositas das Erkrankungs- bzw. Komplikationsrisiko. Die Gabe von NSAR, Kortikosteroiden, Opioiden oder Immuntherapien (insbesondere mit Tocilizumab) fördert ebenfalls Komplikationen. Zur Rolle des Mikrobioms gibt es weiterhin wenig Evidenz. Das Expertenteam ist sich jedoch einig, dass sich die Darmflora bei Gesunden und Patienten mit Divertikelkrankheit unterscheiden könnte.
Ein wichtiger pathophysiologischer Faktor scheint die neuromuskuläre Dysfunktion zu sein. Akute entzündliche Veränderungen im Rahmen einer Divertikulitis führen zu einer viszeralen Hypersensitivität und zu rezidivierenden Bauchschmerzen.

Wie unterscheidet man eine symptomatische unkomplizierte Divertikelkrankheit (SUDD) vom Reizdarmsyndrom?

Nicht nur die Beschwerden von SUDD und Reizdarmsyndrom ähneln sich, die Erkrankungen treten mitunter auch gemeinsam auf. Trotzdem sollte man die Reizdarm-Dia­gnosekriterien nicht unkritisch heranziehen, warnen die Autoren. Als wichtiges Unterscheidungsmerkmal nennen sie das Alter. Schliesslich manifestiert sich das Reizdarmsyndrom typischerweise bei jüngeren Erwachsenen. Betroffene beschreiben den abdominellen Schmerz oft als kurz anhaltend, diffus und wandernd. Im Gegen­­satz dazu klagen Patienten mit SUDD eher über moderate bis starke Beschwerden im linken Unterbauch, die mehr als 24 Stunden anhalten.

Welche Bildgebung wird zur ­Diagnostik und zur Nachsorge empfohlen?

Bei Verdacht auf eine Divertikelkrankheit sind bildgebende Verfahren essenziell. Um eine SUDD zu bestätigen, eignen sich neben dem Ultraschall die Koloskopie oder die CT-Kolonografie. Zusätzlich wird die Bestimmung des fäkalen Calprotectins empfohlen. Zum Nachweis einer akuten Divertikulitis reicht im ambulanten Setting primär die Abdomen-Sonografie. Bleibt die Diagnose unklar, muss eine Computertomografie erfolgen. Letztere gilt im Notfallsetting im Spital als bevorzugte Bildgebungsmethode. Nach einem akuten Ereignis rät das Autorenteam innerhalb eines Jahres zur Koloskopie oder CT-Kolonografie, falls entsprechende Vorbefunde fehlen. Dies dient dem Ausschluss eines kolorektalen Karzinoms.

Wie sieht die symptom­gerechte Therapie aus?

Eine Divertikulose bedarf keiner spezifischen Behandlung. Die asymptomatischen Ausstülpungen werden i. d. R. zufällig entdeckt. Es genügen Lebensstilempfehlungen und man sollte Betroffene über die Gutartigkeit der Erkrankung aufklären.

Bei einer symptomatischen unkomplizierten Divertikelkrankheit können Ballaststoffe einen klinischen Nutzen bringen. Ebenso profitieren Patienten mitunter von bestimmten Probiotika (z. B. Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus helveticus, Bifidobacterium spp.). Mesalazin kann die Beschwerden, insbesondere Bauchschmerzen, anhaltend lindern. Dies gelingt auch mit dem Antibiotikum Rifaximin in Kombination mit Ballaststoffen. Zur Primär- oder Sekundärprävention einer akuten Divertikulitis sind diese Substanzen allerdings nicht geeignet.

Wann sollten Antibiotika zum Einsatz kommen?

Bei einer akuten unkomplizierten Divertikulitis sollten Antibiotika nicht routinemässig verabreicht werden, hält das Expertengremium fest. Eine Ausnahme bilden immunsupprimierte Personen. Handelt es sich um eine komplizierte Entzündung (z. B. mit Abszess oder Perforation) wird eine systemische Antibiotika-Therapie empfohlen. Die meisten Leitlinien sehen hierbei ein breites Wirkspektrum vor, das gramnegative und anaerobe Erreger erfasst.

Wer sollte operiert werden?

Ohne objektiven Nachweis einer Divertikulitis besteht keine OP-Indikation. Einen sofortigen Eingriff benötigen hämodynamisch instabile Patienten mit Sepsis sowie diejenigen mit diffuser Peritonitis, freier Perforation oder symptomatischen Strikturen. Andere komplizierte Entzündungen sollten zunächst konservativ behandelt werden (inkl. Drainage). Ob man nach mehreren Episoden einer Divertikulitis eine elektive chirurgische Resektion anstrebt, bleibt eine individuelle Entscheidung unter Berücksichtigung der Lebensqualität.