Im Gehirn von «Super-Agern»
Jahrzehntelang galt das Dogma, dass die Neurogenese beim Menschen im frühen Erwachsenenalter stark abnimmt oder weitgehend zum Erliegen kommt. Eine neue Studie fordert das heraus und zeigt: Im Hippocampus, dem Gedächtniszentrum, entstehen offenbar auch bis ins höhere Alter neue Neuronen – aber nicht bei jedem.

Im Prinzip ist sich die Wissenschaft einig, dass der Hippocampus auch im höheren Erwachsenenalter neue Neuronen hervorbringen kann – zumindest in Ratten und Mäusen.
Ob es die adulte Neurogenese auch im menschlichen Hippocampus gibt, ist hingegen deutlich kontroverser. Frischen Wind bekam die Theorie durch Daten der letzten Jahre, die die Existenz unreifer Neuronen im adulten menschlichen Hippocampus sowie die Verringerung dieser Zellen bei der Alzheimer-Krankheit zeigten.
Hochkarätige Studie untersuchte Hippocampi von Verstorbenen
Vor diesem Hintergrund untersuchte eine in Nature publizierte Studie die epigenetischen Mechanismen hinter einer möglichen adulten Neurogenese. Dazu analysierten die Forscher um Dr. Ahmed Disouky von der Universität von Illinois Hippocampusgewebe von 38 verstorbenen Personen, darunter:
- junge Erwachsene mit uneingeschränkter Kognition
- ältere Erwachsene mit normaler Gedächtnisleistung
- ältere Erwachsene mit aussergewöhnlich guter Gedächtnisleistung (Super-Ager)
- Erwachsene mit präklinischer intermediärer Pathologie (PCI), die sich möglicherweise im Übergang vom gesunden Altern zur Alzheimer-Krankheit befanden
- Erwachsene mit manifester Alzheimer-Krankheit
Mittels Einzelzell-RNA-Sequenzierung und Analysen der Chromatinzugänglichkeit (snRNA-seq und snATAC-seq) untersuchten sie rund 356.000 Zellkerne aus gefrorenem Hippocampusgewebe. Daraus identifizierte sie unterschiedliche Entwicklungsstadien neuronaler Zellen, darunter neurale Stammzellen, Neuroblasten und unreife Neuronen.
Super-Ager bildeten doppelt so viele Neuronen wie Altersgenossen
Es zeigte sich, dass Super-Ager – Menschen in ihren 80ern, die eine Gedächtnisleistung aufweisen, die vergleichbar ist mit der junger Erwachsener – rund zweimal mehr unreife Neuronen als andere gesunde ältere Erwachsene aufwiesen, und etwa 2,5-mal mehr als Alzheimer-Erkrankte.
Menschen mit Alzheimer-Krankheit hatten hingegen deutlich weniger dieser neuronalen Vorläuferzellen als junge und kognitiv gesunde ältere Erwachsene. Zudem fanden die Forscher bei ihnen eine Akkumulation neuraler Stammzellen, was auf eine beeinträchtigte Differenzierung in Richtung reifer Neuronen hindeutet.
Die Neurogenesedefekte waren insbesondere mit Veränderungen der Chromatinzugänglichkeit assoziiert. Menschen mit präklinischer Alzheimer-Pathologie zeigten hier bereits frühe Veränderungen, die bei manifester Erkrankung noch deutlicher ausgeprägt waren. Gleichzeitig schafften es die Forscher, ein Neurogenesemuster bei den Super-Agern auszumachen, das als eine Art «Resilienz-Signatur» interpretiert werden könnte. Die dabei identifizierten Gene, offenen Chromatinregionen, Signalwege und Motive ähnelten stark den Signaturen junger Erwachsener.
Die Studie legt – trotz vergleichsweise kleiner Stichprobe – damit erstmals nahe, dass der «altersbedingte kognitive Abbau» möglicherweise nicht unausweichlich ist.
Disouky A et al. Human hippocampal neurogenesis in adulthood, ageing and Alzheimer's disease.v Nature. 2026 Feb 25. doi: 10.1038/s41586-026-10169-4.
