Atemmuskeltraining verbessert Überleben von ALS-Patienten
Bei Patienten mit amyotropher Lateralsklerose führt schliesslich meist ein Versagen der Atemmuskulatur zum Tod. Das Atemmuskeltraining soll ihnen helfen, die Muskulatur zu kräftigen und so die Atemfunktion so lange wie möglich zu erhalten. Eine systematische Übersichtsarbeit hat ergründet, wie es mit der Evidenz dazu steht.

Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine neurodegenerative Erkrankung, die zum progressiven Untergang der Motoneuronen führt, die die willkürliche Muskelkontraktion steuern.
Dadurch verliert die Muskulatur in Rumpf und Extremitäten zunehmend ihre Funktion, bis es schliesslich meist zum Tod durch Atemversagen kommt. Die meisten Patienten sterben zwischen 3 bis 5 Jahren nach Symptombeginn – manche Patienten mit langsameren Krankheitsverläufen können auch länger überleben.
Die respiratorische Insuffizienz der Patienten geht hauptsächlich auf einen Funktionsverlust der inspiratorischen Muskulatur im Interkostal- und Rumpfbereich sowie des Zwerchfells zurück. Die Schwäche der exspiratorischen Muskulatur belastet die Lunge zusätzlich durch eine Behinderung der Sekretelimination. Durch diese kann es zur Akkumulation von Sekret und rezidivierenden Atemwegsinfekten kommen.
Wenig Evidenz zum Atemmuskeltraining bei ALS
Zum Management der ALS gehört daher eine Physiotherapie, die die inspiratorische und exspiratorische Muskulatur stärken soll. Die bisherige Evidenz zum Atemmuskeltraining stammt allerdings überwiegend aus Studien zu Dyspnoe und kardiopulmonalen Erkrankungen. In Bezug auf neurodegenerative Erkrankungen wie die ALS ist die Datenlage bisher eingeschränkt.
Ein spanisches Forscherteam um Dr. María Jesús Benzo-Iglesias wollte mit einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse diese Lücke schliessen. Sie untersuchten, ob ein gezieltes Atemmuskeltraining die Muskelkraft die Lungenfunktion von ALS-Patienten verbessern kann.
Dazu zogen die Autoren der Studie im Journal Therapeutic Advances in Respiratory Disease fünf randomisierte, kontrollierte Studien mit insgesamt 170 Patienten heran. Sie hatten ein Atemmuskeltraining bei ALS-Patienten mit körperlicher Bewegung, üblicher Versorgung oder keiner Intervention verglichen.
Atemmuskelstärke signifikant verbessert
In der Meta-Analyse steigerte das Atemmuskeltraining die Muskelstärke signifikant. Insbesondere die maximalen exspiratorischen (MEP) und inspiratorischen Drücke (MIP) verbesserten sich. Eine der eingeschlossenen Studien legte zudem nahe, dass das Training der Einatemmuskulatur ein Prädiktor für das Überleben von ALS-Patienten sein könnte.
Auf die forcierte Vitalkapazität oder die Lebensqualität hatte das Atemmuskeltraining in den Studien hingegen keinen Effekt. Das deckt sich laut den Forschern mit früheren Arbeiten, in denen die gesteigerte Atemmuskelkraft nicht immer zu grösseren Lungenvolumina führte. Sie vermuten, dass eine verbesserte Muskelfunktion bei ALS-Patienten vor allem das Abhusten und die Sekretmobilisation erleichtert– und damit auch die Atmung.
Unerwünschte Wirkungen traten nicht auf.
Atemmuskeltraining fortführen!
Die Forscher schliessen aus diesen Ergebnissen, dass ein Atemmuskeltraining bei Menschen mit ALS deren Ventilationsfunktion und Muskelkraft verbessern kann. Auch wenn sie die bisherige Evidenz nach wie vor als limitiert ansehen, hat die Methode für sie Potenzial als adjuvante Therapie zur Verbesserung der Lebensqualität und des Überlebens.
Besonders eindrücklich war für die Autoren eine Studie, in der sich der Zustand der Patienten nach Abbruch der Intervention deutlich verschlechterte. Sie plädieren daher für eine kontinuierliche Fortführung des Trainings, um die Vorteile zu erhalten und das Fortschreiten der respiratorischen Insuffizienz so lange wie möglich hinauszuzögern. Das sei kritisch beim Management einer Erkrankung, bei der das Atemversagen für die meisten Betroffenen das terminale Ereignis ist.
