Rational gepackt für den Ernstfall: Was wirklich in den Arztkoffer gehört
Im Notfall zählt nicht die perfekte Ausstattung, sondern das Richtige zur richtigen Zeit. Entsprechend empfiehlt Dr. Felix Gruner, Anästhesist am Universitätsspital Basel und ärztlicher Co-Leiter beim Rettungsdienst Nordwestschweiz, eine strikt prioritätenbasierte Herangehensweise.

Um im Ernstfall viel zu bewirken, braucht es erstaunlich wenig Material, betont Dr. Gruner. Vorab sollte man sich immer fragen: «Was ist häufig? Was kann schnell schiefgehen?»; nach diesen Prinzipien sollte man auch seine Ausstattung wählen.
Ergänzend zur üblichen Grundausstattung (z.B. Einmalhandschuhe, FFP 2, Pupillenleuchte) lohnt sich die Anschaffung einer Warnweste, «damit man jemanden sichtbar auf die Strasse schicken kann, um die Ambulanz einzuweisen».
Zusätzlich sollte jeder Mediziner seine Ausstattung an den eigenen Praxisalltag anpassen. Für die Erstversorgung empfiehlt der Experte einen Ansatz entlang des X-ABCDE-Schemas der Notfallmedizin:
- X – Catastrophic Bleeding: lebensbedrohliche Blutungen sofort stoppen
- A – Airway: Atemweg sichern
- B – Breathing: Atmung beurteilen und unterstützen
- C – Circulation: Kreislauf stabilisieren
- D – Disability: neurologischer Status (z.B. Vigilanz, Krampfanfälle, Hypoglykämie)
- E – Exposure: vollständige Inspektion, Wärmeerhalt, Immobilisation, Schmerztherapie
X wie «Catastrophic Bleeding»: Mit welchen Hilfsmitteln man eine Blutung stoppt
Schwere Blutungen sind selten – aber unmittelbar lebensbedrohlich. Erste Massnahme bleibt immer die manuelle Kompression, mit der sich viel Zeit gewinnen lässt. Notfallmässig kann dazu auch Standard-Equipment als «MacGyver-Lösung» genutzt werden. So lässt sich eine manuelle Blutdruckmanschette so lange aufpumpen, bis eine Blutung an einer Extremität zum Stillstand kommt. Für einen improvisierten Druckverband eignen sich ein zur «Krawatte» gewickeltes Dreieckstuch, eine sterile Wundauflage sowie ein zusätzlicher Druckpunkt (z.B. Taschentuchpackung oder Verbandspäckchen). Professionellere Lösungen sind ein echtes Tourniquet oder die Israeli Bandage. Beide sind kompakt, effektiv und lassen sich rasch einhändig anlegen – womit sie sich auch für die Selbstversorgung eignen.
Auch Epistaxis, insbesondere unter Antikoagulation, sollte nicht unterschätzt werden: «Nasenbluten hat schon so manchen in die Transfusionspflichtigkeit oder in den hämorrhagischen Schock gebracht.» Dr. Gruner empfiehlt daher das Vorhalten moderner aufblasbarer Nasentamponaden, die – mit Wasser oder Kochsalzlösung befeuchtet – einfach platziert werden können und selbst massive Blutungen kontrollieren. Praktisch ist zudem, dass sich die Blutstillung unterstützende Medikamente wie Adrenalin oder Tranexamsäure direkt auf die Tamponade applizieren lassen.
Airway und Breathing: Atemweg sichern, Atmung unterstützen
Droht eine Atemwegsverlegung – etwa bei Vigilanzminderung – müssen die Atemwege freigehalten werden. Hat man zwei Hände frei, gelingt dies durch einfache Manöver wie dem Chin-Lift oder Jaw-Thrust (Esmarch-Handgriff).
Für ein freihändiges Freihalten der Atemwege empfiehlt sich ein Nasopharyngealtubus (Wendl-Tubus), ein weicher, nasal eingeführter Silikonschlauch, der verhindert, dass der Zungengrund nach hinten fällt. Auch bei noch wachen Personen ist er meist gut tolerierbar, da er – im Gegensatz zum Oropharyngealtubus (Guedel-Tubus) – keinen ausgeprägten Würgereiz durch Kontakt mit dem Oropharynx auslöst. Alternativ halten Larynxmasken den Atemweg offen und dienen gleichzeitig zur Beatmung.
Zur Basisüberwachung rät Dr. Gruner zu einem kleinen Pulsoximeter. Diese sind günstig, kabellos und ausreichend genau für Notfallsituationen. Ist der Ton eingeschaltet, lässt sich ein schneller, langsamer oder unregelmässiger Puls schnell detektieren. Sinkt die Sättigung, kann Sauerstoff über Nasenbrille oder Reservoirmaske verabreicht werden; hilfreich ist auch die Anschaffung einer Verneblermaske, mit der sich etwa im Anaphylaxiefall Adrenalin inhalativ vernebeln lässt. Für Reanimationssituationen sind zudem Taschenmasken oder kompakte Beatmungsbeutel (Pocket-BVM) sinnvoll, die eine hygienische und effiziente Beatmung gewährleisten.
Eine Situation, in der unvermittelt gehandelt werden muss, ist der Spannungspneumothorax, der sich im Zusammenhang mit einem Thoraxtrauma durch Tachydyspnoe, schlechte Sättigung und progressive Stauung der Halsvenen äussert. Zur Entlastung eignen sich moderne 14G-Dekompressionsnadeln, die entweder anterior in der Monaldi-Position (2./3.ICR, Medioclavicularlinie) oder lateral in der Bülau-Position (4./5. ICR mittlere Axillarlinie; «Triangle of Safety») eingesetzt werden. Letztere funktioniert auch bei trainierten oder adipösen Personen gut.
C wie Circulation: Adrenalin rettet Leben
Adrenalin ist laut Dr. Gruner ein Medikament, das in jede Arztpraxis gehört. «Bei Anaphylaxie gilt: 0,5 mg intramuskulär – sofort.» Auch wenn Leitlinien dies erst ab Grad II vorsehen, ist man in der Notfallmedizin pragmatisch: «Alles, was über ein Exanthem hinausgeht, bekommt Adrenalin quasi zur Begrüssung». Die IM-Gabe gilt dabei als sicher, auch bei kardial vorerkrankten Patienten.
Ob sich die Anschaffung eines automatisierten externen Defibrillators (AED) lohnt, hängt einmal vom individuellen Setting ab. Etwa, ob zum Patientenpublikum viele Menschen mit hohem kardialem Risiko gehören. Zudem ist ein AED heute vielerorts öffentlich verfügbar, sodass auf einen eigenen AED unter Umständen verzichtet werden kann, wenn in unmittelbarer Nähe der Praxis ein solcher öffentlicher AED vorhanden ist. Für die Schweiz kann die Verbreitung auf defikarte.ch abgerufen werden:
Weitere sinnvolle Basics für die Praxis sind Vollelektrolytlösungen, Nitrospray und ASS. Lässt sich der Serumkaliumspiegel in der eigenen Praxis bestimmen, sollte Kalziumgluconat für die seltene, aber potenziell tödliche Hyperkaliämie bereitgehalten werden.
D wie Disability: Hypoglykämie und Krampfanfälle
Bei einer schweren Hypoglykämie, bei der der Patient nicht mehr in der Lage ist, glukosehaltige Nahrungsmittel zu schlucken, empfiehlt Dr. Gruner die intravenöse Gabe von hochkonzentrierter Glukose (20 – 50%) bis die Vigilanz besser wird, bei Bedarf wiederholen. Da hochkonzentrierte Glucose venenreizend ist, sollte parallel eine kristalloide Infusionslösung gegeben werden.
Echte epileptische Krampfanfälle werden mit Benzodiazepinen durchbrochen, bevorzugt mit 5 bis 10 mg Midazolam. Falls kein IV-Zugang möglich ist, können auch 2 mL des Medikaments in höherer Konzentration (5 mg/ml) nasal mittels Mucosal Atomization Device (MAD) oder intramuskulär appliziert werden. «Ziel ist hier nicht vorsichtiges Auftitrieren, sondern ein schnelles Beenden des Anfalls», so Dr. Gruner.
E wie Exposure: Wärme, Immobilisation, Schmerz
Zum Kühlen wie zum Wärmen empfiehlt Dr. Gruner das Vorhalten eines Cold/Hot-Packs. Auch die Anschaffung einer Wärmedecke empfiehlt sich – etwa für den Traumafall: «Eine Hypothermie verschlechtert die Gerinnung deutlich – der Wärmeerhalt gehört daher zur Akutversorgung.
Für kleinere Traumata reichen einfache Verbandsmaterialien; kostengünstige, formbare Schienen (Sam Splints) helfen, Frakturen ruhigzustellen – auch bei Kindern. Als Analgetikum nennt Dr. Gruner das schnell wirksame und potente Metamizol, das langsam als Kurzinfusion verabreicht werden sollte, um Hypotonien zu vermeiden.
Ärztliches Equipment zu Hause, beim Hausbesuch und auf Reisen
Auch ausserhalb der Praxis empfiehlt Dr. Gruner, die Ausstattung dem Risiko anzupassen. In den Ärztehaushalt gehören für ihn aber zumindest eine Option zur Blutungskontrolle, ein Wendl-Tubus, eine Beatmungsmaske sowie Adrenalin.
Auf Reisen mit Kindern solle man jedenfalls Fieberthermometer, Kinderantipyretika, Brechbeutel und Elektrolytlösungen nicht vergessen. Je nach Mitreisenden und Destination kommen noch persönliche Notfallmedikamente, Antibiotika und spezielle Reiseversicherungen (z.B. Tauchversicherung) hinzu.
Im Auto empfiehlt der Experte zudem, den gesetzlichen Verbandskasten um Tourniquet, einen Wendl-Tubus, eine Thoraxentlastungsnadel und einen Sam Splint zu erweitern. «Mitnehmen sollte man allerdings nur Dinge, die man auch beherrscht.» Als letztes «MacGyver-Equipment» nennt Dr. Gruner die eigene Smartwatch, mit der sich zumindest Puls, Sättigung und – mit etwas Know-how – sogar EKGs ableiten lassen.
Als tiefergehende notfallmedizinische Fortbildung empfiehlt Dr. Gruner den viertägigen Dienstarztkurs der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin (SGNOR). Wer eine erweiterte notfallmedizinische Ausrüstung für die Praxis und Hausbesuche beschaffen möchte, findet hierfür auf der Website der SGNOR einen umfangreichen Vorschlag.
Vortrag von Dr. Felix Gruner: „Ich packe meinen Koffer… Den Arztkoffer rational und rationell gepackt»
