Medical Tribune
13. März 2026Die Grippe hat echte Konsequenzen für Herz und Gefässe

Influenza-Impfung schützt auch gegen kardiovaskuläre Ereignisse

Eine Influenza-Infektion führt bei älteren, gebrechlichen oder kardiovaskulär vorerkrankten Patienten immer wieder zur Hospitalisation oder zum Tod. Eine Übersichtsarbeit fasst die aktuelle Evidenz für die kardiovaskuläre Mitbeteiligung und die Rolle der Impfung zusammen.

Influenza-Impfung im Fokus: Seniorin mit Herzsymbol – Schutz vor Grippe kann auch das Herz entlasten.
Ratana21/stock.adobe.com

Saisonale Peaks sind konsistent mit erhöhten Hospitalisierungen und Mortalität assoziiert, schreibt das italienische Autorenteam um Dr. Massimo Volpe, Sapienza-Universität, Rom. Gleichzeitig zeigen epidemiologische Studien Peaks im Auftreten akuter koronarer Ereignisse, einschliesslich akuter Koronarsyndrome und Herzinsuffizienz, während oder direkt nach der Influenza-Saison.

Influenza-Impfung reduziert kardiovaskuläre Ereignisse

Randomisierte Studien und Metaanalysen belegen konsistent, dass die Influenza-Impfung dieses Risiko deutlich senken kann. Sie ist mit einer 25–37%igen Reduktion bei schweren kardiovaskulären Ereignissen (MACE) sowie der Mortalität verbunden. Das sind Effekte, die mit etablierten kardioprotektiven Therapien vergleichbar sind. Auch in der Schweiz kommt es laut Bundesamt für Gesundheit pro Grippesaison zu mehreren tausend Hospitalisationen und mehreren hundert Todesfällen. Besonders stark betroffen sind ältere Personen und Patienten mit respiratorischen oder kardiovaskulären Vorerkrankungen.

Am stärksten ist die Evidenz für Patienten mit koronarer Herzerkrankung, akutem Koronarsyndrom, Diabetes oder bei ≥ 65-Jährigen. Bei der Herzinsuffizienz sind die Daten bislang inkonsistent. Verstärkte Impfstoffe, wie adjuvantierte, hochdosierte Formulierungen, scheinen in diesem Patientengut zudem wesentlich wirksamer zu sein als die Standardvakzine. In der Schweiz ist der Hochdosis-Impfstoff seit 2024 für Personen ≥ 75 Jahre sowie für ≥ 65-Jährige mit zusätzlichem Risikofaktor empfohlen.

Impfung: gute Evidenz, schlechte Akzeptanz

Trotz der guten Evidenz und Verfügbarkeit der Impfung bezeichnen die Autoren die Durchimpfung bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen als suboptimal. Dass das nicht nur für italienische Verhältnisse zutrifft, zeigt eine Analyse chronisch kranker Patienten in der Schweiz aus den Saisons 2015/2016, 2016/2017 und 2017/2018, bei denen die Influenza-Impfquote bei kardiovaskulär Vorerkrankten konsistent knapp unter 30 % lag. Bei Patienten mit Diabetes belief sie sich sogar nur auf knapp über 20 %.

Als Gründe für diesen erheblichen ungedeckten Bedarf nennen die Autoren mangelndes Problembewusstsein sowie einen geringen Einbezug von Kardiologen in die systematische Impfaufklärung. Sie empfehlen, die Influenza-Impfung in der kardiologischen Praxis noch betonter Personen mit kardiovaskulären Erkrankungen anzubieten. Ein günstiges Fenster ergebe sich dabei sowohl bei kardiologischen Routineuntersuchungen als auch bei Spitalentlassungen. Zudem sollten gezielte Kommunikationsstrategien entwickelt werden, um die Impfbereitschaft bei betroffenen Patienten zu steigern.

Influenza belastet das Herz-Kreislauf-System über mehrere Mechanismen. So kann die durch respiratorische Viren ausgelöste systemische Entzündungsreaktion zu akuten Koronarsyndromen führen – insbesondere STEMI und NSTEMI –, indem sie die Destabilisierung und Ruptur atherosklerotischer Plaques fördert, etwa durch die Akkumulation und Aktivierung von Makrophagen. Zudem begünstigen Atemwegsviren einen prothrombotischen Zustand, der koronare Thrombosen und damit Typ-1-Myokardinfarkte fördern kann. Der erhöhte Sauerstoffbedarf der Kardiomyozyten sowie eine gesteigerte Sympathikus-Aktivierung mit Erhöhung der Herzfrequenz und Vasokonstriktion im Koronargefässbaum während der aktiven Krankheitsphase können ausserdem Myokardschäden bis hin zu Nekrosen verursachen – Prozesse, die charakteristisch für den Typ-2-Myokardinfarkt sind. Myokarditiden, Arrhythmien und Herzinsuffizienz könnten durch direkte Effekte der Influenza auf das Myokardgewebe bedingt sein – etwa durch fokale Nekrosen, fibrotische Narbenbildung und eine daraus resultierende ventrikuläre Dysfunktion.