Medical Tribune
2. März 2026Grosse Metaanalyse findet keinen Zusammenhang

Paracetamol in der Schwangerschaft: Kein Hinweis auf Autismus

Immer wieder wird ein Zusammenhang zwischen Störungen der neuronalen Entwicklung und der Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft diskutiert. Aktuell fachen Aussagen des US-Gesundheitsministeriums zum Autismus die Debatte erneut an. Eine Forschergruppe fasst die bisherige Evidenz, einschliesslich neuerer Arbeiten, jetzt in einer Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zusammen.

Schwangere Frau mit Kopfschmerzen
Sk Elena/stock.adobe.com

Im September 2025 suggerierten US-Präsident Donald Trump und sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. einen möglichen Zusammenhang zwischen pränataler Paracetamol-Exposition und Autismus. Seither beobachten manche Ärzte und Schwangere das Analgetikum mit erhöhter Wachsamkeit.

Die US-Regierung berief sich bei ihren Aussagen auf eine Übersichtsarbeit, die den Wirkstoff mit neurologischen Entwicklungsstörungen in Verbindung brachte. Diese ist jedoch aufgrund erheblicher methodischer Mängel umstritten.

Alle bisherigen Kohortenstudien überprüft

Angesichts der weit verbreiteten Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft könnten selbst geringe kausale Effekte auf die neuro­kognitive Entwicklung relevante Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben. Das gab vielen Forschern Anlass, die verfügbare Evidenz noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Ein europäisches Autorenteam unter der Leitung von Prof. Dr. Francesco D’Antonio von der italienischen Universität Chieti untersuchte in seiner systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse die bislang vorhandenen Daten zur Assoziation zwischen pränataler Paracetamol-Exposition und drei neurologischen Entwicklungsstörungen:

  • Autismus-Spektrum-Störungen,
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie
  • intellektuelle Beeinträchtigungen.

Für ihre Analyse identifizierten die Forscher Kohortenstudien, die Schwangerschaften mit und ohne Paracetamol-Einnahme verglichen. Insgesamt 17 Studien wurden in die Metaanalyse eingeschlossen.

Kein Zusammenhang bei Geschwistervergleichen

Da die untersuchten neurodevelopmentalen Störungen eine starke familiäre und genetische Komponente aufweisen, stellen Geschwistervergleichsstudien den wissenschaftlich günstigsten Ansatz für die Fragestellung dar. In den zwei verfügbaren Untersuchungen, grossen populationsbasierten Kohorten aus Schweden (2024) und Japan (2025) mit mehr als 270 000 exponierten Kindern, fand sich dabei keine Verbindung zwischen pränatalem Paracetamol und

  • Autismus-Spektrum-Störungen (Odds Ratio [OR] 0,98; 95%-KI: 0,93–1,03; p = 0,45)
  • ADHS (OR 0,95; 95%-KI 0,86–1,05; p = 0,31) oder
  • intellektuellen Beeinträchtigungen (OR 1,11; 95%-KI 0,92–1,34).

Bei Einschluss der übrigen Kohortenstudien zeigte sich ein vergleichbares Bild. Auch eine Beschränkung auf Studien mit niedrigem Verzerrungsrisiko oder längerem Nachbeobachtungszeitraum von über fünf Jahren änderte diese Ergebnisse nicht.

Verzicht auf Paracetamol könnte sich negativ auswirken

Paracetamol ist derzeit das Analgetikum und Antipyretikum mit der stärksten Empfehlung für die Anwendung in der Schwangerschaft. Weltweit wird es am häufigsten von Schwangeren zur Schmerzbekämpfung und Fiebersenkung eingesetzt. Verzichten Schwangere aus Sorge vor möglichen Risiken grundsätzlich auf eine medikamentöse Schmerz- oder Fiebersenkung, kann dies dazu führen, dass viele Frauen unnötig Schmerzen erdulden, schreiben die Autoren. Umgekehrt stellen unbehandelte Schmerzen und Fieber ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaft und Fötus dar: Vor allem Fieber wurde mit Fehl- und Frühgeburten sowie angeborenen Fehlbildungen in Verbindung gebracht. Aus Sicht der Autoren trägt die Politisierung wissenschaftlicher Unsicherheit wesentlich zur Verunsicherung von Schwangeren und behandelnden Ärzten bei.

Derzeit weise nichts auf ein klinisch relevant erhöhtes Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern von Schwangeren hin, die Paracetamol gemäss Anwendungsempfehlungen einnehmen. Diese Einschätzung teilen auch grosse internationale Fachgesellschaften wie das amerikanische American College of Obstetricians and Gynecologists und das britische Royal College of Obstetricians and Gynaecologists, die die Sicherheit von Paracetamol bei angemessener Anwendung weiterhin bekräftigen.