Medical Tribune
24. Feb. 2026Schwere Komplikation im Kindesalter

Schützt die Influenza-Impfung gegen akute nekrotisierende Enzephalopathie?

Die akute nekrotisierende Enzephalopathie kann verheerende neurologische Schäden bei an Grippe erkrankten Kindern anrichten. In der vergangenen Influenzasaison traten in den USA gehäuft Fälle auf. Dem gingen Forscher nun auf den Grund.

Kind im Spital.
Stephan Morrosch/stock.adobe.com

Die schwerste Form eines neurologischen Syndroms im Zusammenhang mit viralen Infektionen wie Influenza oder SARS-CoV-2 ist die akute nekrotisierende Enzephalopathie (ANE). Sie betrifft fast ausschliesslich Kinder und meist solche ohne Vorerkrankungen. In den USA traten während der Influenzasaison 2024/25 gehäuft ANE-Fälle auf. Ein Team um Dr. Andrew­ Silverman­ von der Stanford University hat dieses Phänomen näher untersucht.

Das Forscherteam identifizierte dazu 41 Kinder aus 23 Zen­tren in den USA, bei denen zwischen Oktober 2023 und Mai 2025 ANE diagnostiziert worden war. Die Betroffenen waren im Mittel fünf Jahre alt. Einschlusskriterien waren eine akute Enzephalopathie mit radiologischem Nachweis einer akuten Thalamusschädigung und eine bestätigte Influenzainfektion.

95 % der Kinder mit ANE positiv auf Influenza-A-Virus getestet

Rund drei Viertel der untersuchten Kinder hatten keine nennenswerte medizinische Vorgeschichte. Die klinischen Symptome umfassten neben der Enzephalopathie in 93 % Fieber und bei 68 % der Betroffenen Krampfanfälle. Fast alle Kinder (95 %) wurden positiv auf das Influenza-A-Virus getestet, darunter erfolgte bei 21 eine Subtypisierung (14 mit A/H1pdm/2009, 7 mit A/H3N2). Nur zwei Kinder waren positiv für das Influenza-B-Virus.

Bei 32 Kindern wurde eine genetische Testung durchgeführt. In 15 Fällen (47 %) fanden sich Varianten, die potenziell mit einer erhöhten ANE-Anfälligkeit assoziiert sind, etwa im RANBP2-Gen. Nur sechs von 38 Kindern (16 %) waren gegen die saisonale Grippe geimpft – ein deutlich geringerer Anteil als in der Gesamtbevölkerung, in der die Quote bei Kindern im selben Zeitraum etwa 48–55 % betrug.

Die meisten Kinder erhielten eine antivirale und immunmodulatorische Therapie, darunter Steroide (95 %), intravenöses Immunglobulin (66 %), Tocilizumab (51 %), Anakinra (5 %), oder einen Plasmaaustausch. Dies stehe im Einklang mit bisherigen Erkenntnissen, eine evidenzbasierte Vorgehensweise existiere jedoch nicht, so das Autorenteam.

Elf Kinder (27 %) starben – im Median drei Tage nach Symptombeginn und in erster Linie an zerebraler Herniation. Von den Überlebenden, die 90 Tage oder länger nachbeobachtet wurden, hatten 17 (63 %) eine mindestens mittelschwere Beeinträchtigung (≥ 3 auf der modifizierten Rankin-Skala). Die Residuen umfassten Spastik, Dystonie, Epilepsien sowie andere motorische oder kognitive Einschränkungen.

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen dem Autorenteam zufolge die Notwendigkeit einer frühen Diagnose und einer rechtzeitigen intensivmedizinischen Behandlung. Offenbar spielt auch die Vakzinierung bei der Prävention schwerer ZNS-Kompli­kationen eine Rolle.