Medical Tribune
15. Jan. 2026Das Östrogen trägt «Mitschuld» an einer Gewichtszunahme

Wechseljahre und metabolische Gesundheit

In den Wechseljahren, wenn das Östrogen steil abfällt und die ovarielle Reserve versiegt, ändert sich in kurzer Zeit sehr viel in der Stoffwechselgesundheit. In der Folge nehmen einige Frauen stark zu. Die endokrinologischen und metabolischen Mechanismen sind komplex. Doch es gibt Optionen, wie Frauen auch die Zeit nach der Menopause metabolisch gesund erleben können, erklärte Prof. Dr. Lia Bally, Leitende Ärztin und Leiterin Ernährungsmedizin, Metabolismus und Adipositas, Inselspital Bern, an einem Seminar am Jahreskongress des Kollegiums für Hausarztmedizin (KHM).

Frau überprüft ihr Körpergewicht auf der Waage
New Africa/stock.adobe.com

Der Östrogenspiegel einer Frau verändert sich im Laufe des Lebens mehrfach: Während er im reproduktiven Alter ansteigt, fällt er in der Perimenopause steil ab und liegt im höheren Alter sogar unter dem von Männern. «Das sind extreme Änderungen», erklärte Prof. Bally.

Die hormonellen Veränderungen in der Perimenopause können mit verschiedenen Beschwerden einhergehen, wie etwa mit vasomotorischen Symptomen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, urogenitalen, sexuellen und körperlichen Problemen.

«Am häufigsten leiden die Frauen an Hitzewallungen. Sie sind meist unmittelbar nach der Menopause am ausgeprägtesten und dauern im Schnitt sieben, im Extremfall bis zu 20 Jahre an», so die Referentin. Frauen, die übergewichtig sind, leiden zudem tendenziell häufiger an vasomotorischen Beschwerden. Sind die Hitzewallungen ausgeprägt und dauern lange an, korrelieren sie mit einem deutlich höheren kardiovaskulären Risikoprofil.

Östrogen unterstützt Gewichtsregulation

In der Postmenopause verändert sich nicht nur hormonell, sondern auch metabolisch vieles. «Die Knochenmasse nimmt ab und das LDL-Cholesterin (LDL-C) steigt an – überraschenderweise am ausgeprägtesten bei Frauen mit einem tieferen Gewicht», so die Referentin. Zudem verändert sich die Körperzusammensetzung. Die Fettmasse nimmt zu, die fettfreie ab, und es kommt zu einer vermehrten Umverteilung von subkutanem zu viszeralem Fett.

Estradiol (E2), das in der reproduktiven Phase der Frau eine wichtige Funktion in der Zyklusregulation hat, spielt auch eine grosse Rolle im Stoffwechsel. «Es verbessert die Insulinsensitivität, unterstützt die Betazellfunktion und verlangsamt die Magenentleerung», erläuterte die Referentin. Zudem unterstützt es eine gesunde Fettverteilung, erhöht den Energieumsatz und wirkt sich positiv auf das Lipidprofil aus. Im Gehirn verstärkt es die Appetit-Hemmung. All diese Effekte werden schwächer, wenn Frauen in die Menopause kommen und das Östrogen abfällt. Eine mögliche Folge: Das Gewicht steigt postmenopausal plötzlich stark an. «Den metabolischen Veränderungen lässt sich aber etwas gegensteuern», betonte die Expertin.

Stoffwechselgesundheit lässt sich fördern

Das Wissen um die endokrinologischen und metabolischen Veränderungen sollte vermehrt in das Management von menopausalen Frauen einfliessen. Dazu gehört laut Prof. Bally, in der Praxis die Beschwerden und die kardiometabolischen Risikofaktoren bei Frauen in der Menopause systematisch zu erheben, zu monitorisieren (z. B. Messung von Gewicht und Taillenumfang, Labor) und die Patientinnen aufzuklären. «Sie sollen wissen, was in ihrem Körper passiert, wenn in den Wechseljahren das Östrogen abfällt, und wie sie den Veränderungen gegensteuern können.»

Eine Behandlungsoption von klimakterischen Beschwerden ist die menopausale Hormontherapie (MHT), in der E2 eine Komponente ist. Die Frauen nehmen laut Prof. Bally­ beispielsweise unter einer MHT weniger zu und entwickeln seltener einen Diabetes mellitus Typ 2 (1).

Indiziert ist eine MHT allerdings explizit nur für die Behandlung von menopausalen Beschwerden und nicht, um die Stoffwechselgesundheit zu verbessern. Werden Hormone verschrieben, werden heute transdermale Therapien und für den Endometriumschutz bioidentisches Progesteron favorisiert. Sie reduzieren das thromboembolische Risiko im Vergleich zu peroral einzunehmenden Hormonen deutlich. Für Phytoöstrogene (z. B. enthalten in Sojaprodukten, Linsen, Leinsamen, Rotklee) ist die Evidenz schwach.

Ernährung in der Menopause

Eine wichtige Rolle für die metabolische Gesundheit in der Postmenopause spielt laut Prof. Bally die Ernährung. Mit der Portfolio-Diät zum Beispiel kann das LDL-C um bis zu 20–30 % gesenkt werden (2). Die Diät beinhaltet eine vermehrte Zufuhr an Sojaproteinen, Nüssen, löslichen Ballaststoffen, Pflanzensterinen sowie zusätzlich einfach ungesättigte und langkettige mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Auch eine Gewichtsreduktion wirkt sich auf die Beschwerden aus. «Nehmen übergewichtige Frauen ab, verbessern sich in der Regel auch die Hitzewallungen», erläuterte die Referentin.

Mit den neuen Medikamenten wie den GLP1-Rezeptoragonisten ist es heute einfacher, das Gewicht zu reduzieren als noch vor Jahren. Belegt ist zum Beispiel, dass Frauen mit einer MHT plus einem GLP1-RA mehr Gewicht verlieren als mit dem GLP1-RA allein.

Nimmt eine Frau ab, betrifft ein Viertel des Gewichtsverlustes physiologisch die fettfreie Masse, davon 50 % die Muskelmasse. Auch die Knochenmasse geht zurück, unabhängig davon, ob die Patientin allein mit Lebensstil oder mit einem GLP1-RA Gewicht reduziert (3). Krafttraining sowie eine ausreichende Eiweiss- und Kalziumzufuhr wirkt den metabolischen Abbauprozessen entgegen. «Allein mit einer Steigerung von Eiweiss- und Kalzium-reichen Lebensmitteln lässt sich bereits in fünf Monaten das Fraktur- und Sturzrisiko signifikant reduzieren», zitierte Prof. Bally aus einer Interventionsstudie (4).