Medical Tribune
8. Jan. 2026ESCORT-HU-Daten bestätigen stabile Fertilität

Sichelzellkrankheit: Schwangerschaft unter Hydroxyurea

Neue Daten aus den prospektiven ESCORT-HU-Kohorten zeigen: Die Mehrzahl der unter Hydroxyurea entstandenen Schwangerschaften bei Patientinnen mit Sichelzellkrankheit verläuft ohne maternale Komplikationen. Teratogene Effekte wurden nicht beobachtet, die Fertilität bleibt erhalten – ein wichtiger Befund für Frauen ohne Transfusionsalternative, berichte Dr. Dr. Anoosha Habibi, Hôpitaux Universitaires Henri Mondor, Creteil, am ASH Annual Meeting 2025.

Schwangerschaft, Arztgespräch
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Hydroxyurea (Hydroxycarbamid) ist eine unverzichtbare Therapie, die den Verlauf der Sichelzellkrankheit (Sickle Cell Disease, SCD) nachweislich verbessert. Die Substanz reduziert die Häufigkeit vaso-okklusiver Krisen, das akute Thoraxsyndrom, Krankenhausaufenthalte, den Transfusionsbedarf und die Sterblichkeit.

Frauen mit Kinderwunsch wird traditionell empfohlen, Hydroxyurea drei bis sechs Monate vor der Empfängnis abzusetzen. Für Patientinnen mit verzögerten hämolytischen Transfusionsreaktionen, bei denen Transfusionen keine Option sind, birgt ein Therapieabbruch jedoch erhebliche Risiken. Vor diesem Hintergrund präsentierte Dr. Habibi prospektive Daten aus den ESCORT-HU-Kohortenstudien, die den Einfluss von Hydroxyurea auf Schwangerschaftsverläufe systematisch untersuchten.

Studienpopulation und Schwangerschaftsexposition in ESCORT-HU

ESCORT-HU und ESCORT-HU Extension sind multizentrische, nicht-interventionelle Kohortenstudien, die in Frankreich, Griechenland, Deutschland und Italien laufen.Insgesamt nahmen 3145 Patientinnen und Patienten teil, darunter 1733 Frauen, von denen zwei Drittel im reproduktiven Alter (15–49 Jahre) waren. Beide Studien erfassten Schwangerschaften prospektiv – unabhängig davon, ob die Therapie fortgeführt oder unterbrochen wurde.

Bei 202 Frauen traten 246 Schwangerschaften auf. 213 Schwangerschaften (87%) traten unter laufender Hydroxyurea-Therapie auf, bei einer durchschnittlichen Dosis von 16,5 ± 7,5mg/kg/Tag. Meist setzten die Frauen Hydroxyurea im ersten Trimenon ab. Die mittlere Dauer der Hydroxyurea-Vortherapie betrug im ursprünglichen ESCORT-HU-Kollektiv 3,8 Jahre, im Extension-Kollektiv 10 Jahre.

Günstiges Sicherheitsprofil Hydroxyurea-exponierter Schwangerschaften

Von den 213 exponierten Schwangerschaften waren 18 zum Stichtag noch nicht abgeschlossen, 23 endeten in einem freiwilligen Abbruch. Die übrigen 172 Schwangerschaften zeigten ein günstiges Sicherheitsprofil: 131 (76 %) führten zu Lebendgeburten, 35 (27 %) zu Frühgeburten und 28 (16 %) zu Fehlgeburten. Es gab je eine fetale Todesfolge pro Studienphase, jedoch keine maternalen Todesfälle. Missbildungen, die auf Hydroyurea zurückzuführen wären, wurden nicht berichtet.

Bei den 30 Frauen, die Hydroxyurea präkonzeptionell absetzten, zeigte sich ein ähnliches Muster: 19 Lebendgeburten, eine Frühgeburt, neun Fehlgeburten und eine laufende Schwangerschaft. Bemerkenswert war der hohe Anteil ungeplanter Schwangerschaften unter Therapie sowie die Tatsache, dass 41 % aller Patientinnen während der Schwangerschaft transfundiert wurden.

Die Gesamtauswertung bestätigt, dass Hydroxyurea weder die Fertilität beeinträchtigt noch das Risiko teratogener Effekte erhöht. Dr. Habibi betonte, dass Hydroxyurea bei Patientinnen ohne Transfusionsalternative – insbesondere bei anamnestischen verzögerten hämolytischen Transfusionsreaktionen – auch während einer ungeplanten Frühschwangerschaft fortgeführt werden könne. Grössere Datensätze seien dennoch erforderlich, um Langzeitrisiken für Kinder nach intrauteriner Hydroxyurea-Exposition weiter abzusichern.