Medical Tribune
8. Apr. 2014Langzeit-Komplika­tionen des Typ-1-Diabetes

Typ-1-Diabetes: In die Zukunft investieren!

Lassen sich die Langzeit-Komplika­tionen des Typ-1-Diabetes durch eine intensive Therapie verhindern oder zumindest hinauszögern? Es ging vor allem um diese Kernfrage, als die DCCT-(Diabetes Control and Complication Trial-)Studie im Jahr 1982 initiiert wurde.

Sechs wichtige Erkenntnisse aus der DCCT/EDIC-Studie


Die DCCT/EDIC-Studie zählt zu den bedeutendsten klinischen Diabetes-Studien überhaupt. Sie lieferte die notwendige Evidenz für neue Therapiestandards für Typ-1-Diabetiker. Die Ergebnisse lassen sich folgendermassen zusammenfassen:

  • Die Hyperglykämie ist der wichtigste modifizierbare Mediator hinsichtlich diabetischer Langzeit-Komplikationen (Typ-1-Diabetes).
  • Die intensive Diabetestherapie mit dem Ziel einer möglichst normnahen und sicheren Blutzuckereinstellung reduziert sowohl die Entwicklung als auch das Fortschreiten der diabetischen Retinopathie, Nephropathie und Neuropathie.
  • Bei Typ-1-Diabetes reduziert die intensive Therapie auch kardiovaskuläre Erkrankungen.
  • Der Nutzen der intensiven im Vergleich zur konventionellen Therapie persistiert, auch wenn keine Unterschiede bezüglich der Glykämie mehr bestehen (sogenanntes "metabolisches Gedächtnis").
  • Die intensive Therapie ist am effektivsten, wenn sie bereits in frühen Stadien des Typ-1-Diabetes erfolgt.
  • Bei der derzeitigen Umsetzung der intensiven Therapie sind Gewichtszunahme und erhöhtes Hypoglykämierisiko unerwünschte Ereignisse.

Bernard Zinman et al., Diabetes Care 2014; 37: 8


Für die Studie wurden 1441 Typ-1-Diabetiker im Alter von 13 bis 39 Jahren rekrutiert und entweder einer intensiven oder der damals üblichen konventionellen Therapie zugeführt.

Ziel der intensiven Behandlung war es, die Blutzuckerwerte so sicher wie möglich in den normnahen Bereich zu senken.

Hierzu erfolgten drei oder mehr Insulininjektionen pro Tag oder eine Insulinpumpen-Versorgung, wobei die Patienten zur Therapiesteuerung ihren Blutzucker selbst massen.

Augen- und Nierenschäden auf dem Rückzug

Die konventionelle Behandlung zielte darauf ab, eine sichere, asymptomatische Blutzuckerkontrolle aufrechtzuerhalten.

Nach einer mittleren Behandlungsdauer von 6,5 Jahren schloss sich die EDIC-(Epidemiology of Diabetes Interventions and Complications-)Studie an.

Vor Beginn der EDIC-Studie wurde allen Teilnehmern aus der konven­tionellen Therapiegruppe eine intensivierte Therapie angeboten.

Die EDIC-Studie ist demnach eine Beobachtungsstudie der DCCT-Kohorte, die im Jahr 1994 begonnen wurde und immer noch fortgesetzt wird.

Nach einem durchschnittlichen Follow-up von 6,5 Jahren ergab die DCCT-Studie eine Reduktion mikro­vaskulärer Erkrankungen unter der intensiven Therapie um 35 bis 76 % im Vergleich zur konven­tionell behandelten Gruppe, schreibt Professor Dr. David M. Nathan vom Massachusetts Ge­neral Hospital, Boston.

Gewichtszunahme als Nebenwirkung

­Beispielsweise wurde das Retinopathie-Risi­ko um 76 %, das Nephropathie-­Risiko um 50 % und das Neuropathie-Risiko um 60 % gesenkt. Diese günstigen und konsistenten Ergeb­nisse liessen sich weitgehend auf die bessere Stoffwechsel­einstellung der intensiv behandelten Patienten zurückführen: Der mediane HbA1c-Wert lag in dieser Gruppe bei 7 %, unter konventioneller Behandlung dagegen bei 9 %.

Wichtigste Nebenwirkung unter intensiver Therapie war ein dreifach erhöhtes Hypoglykämierisiko, das jedoch nicht mit einer Beeinträchtigung von kognitiven Funktionen oder Lebensqualität assoziiert war.

Darüber hinaus kam es in der intensiv behandelten Gruppe zu einer Gewichtszunahme. Das Durchschnittsgewicht lag während der DCCT-Studie bei den intensiv behandelten Teilnehmern um 4,6 kg über dem Durchschnittsgewicht der konventionell behandelten Patienten. Doch dieser Unterschied glich sich während der EDIC-Phase weitgehend aus.

Metabolisches Gedächtnis wirkt mindestens zehn Jahre

In der EDIC-Studie erhielten alle Patienten eine intensive Therapie. Dennoch wiesen die Teilnehmer, die während der DCCT-Phase intensiv behandelt worden waren, noch jahrelang geringere Komplikationsraten auf.

Das "metabolische Gedächtnis" führte mindestens zehn Jahre lang zu positiven Effekten, so Prof. Nathan. Dabei zeigten die von Anfang an intensiv Behandelten nicht nur eine Reduktion mikrovaskulärer Komplikationen, sondern auch eine geringere Atheroskleroseneigung sowie deutlich weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Quelle: David M. Nathan, Diabetes Care 2014; 37: 9-16