16. Nov. 2023Nur wenige Therapien bei Kindern und Jugendlichen erprobt

Typ-2-Diabetes in jungen Jahren: Herausforderungen und Risiken

Die Häufigkeit von Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ist in den letzten 30 Jahren um 50 Prozent angestiegen. Dabei ist es noch in mehreren Punkten unklar, wie sie optimal behandelt werden sollten. Experten fordern eine multidisziplinäre Therapie.

Nackter Oberkörper eines nicht erkennbaren übergewichtigen Kindes
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Schon für die Kleinen gilt: Wer zu viel wiegt, kann Diabetes mellitus Typ 2 bekommen.

Die Häufigkeit des früh einsetzenden (Early Onset) Type 2 Diabetes bei jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 39 Jahren ist in den letzten 30 Jahren um etwa 50 Prozent gestiegen, warnt die Global Burden of Disease Study.

Dieser Anstieg gibt Anlass dazu, bei Kindern und Jugendlichen mit erhöhten Blutzuckerwerten vermehrt auch an Typ-2-Diabetes zu denken.

Typ-2-Diabetes bei Kindern geht meist mit deutlichem Übergewicht einher

Das ist auch entscheidend, zumal sich das therapeutische Vorgehen erheblich unterscheidet, je nachdem ob ein Typ-1- oder ein Typ-2-Diabetes vorliegt.

Kinder und Jugendliche, bei denen eine erhöhte Blutzuckerkonzentration festgestellt werden kann, sollten daher grundsätzlich auf einen monogenen Diabetes sowie auf Autoantikörper gegen Inselzellen oder Insulin hin untersucht werden, schreiben britische Autoren in einer neuen Übersichtsarbeit (1).

Pädiatrische Leitlinien empfehlen dieses Vorgehen sogar ausdrücklich. Denn fallen diese Tests negativ aus, liegt höchstwahrscheinlich ein Typ-2-Diabetes vor.

Einen vorläufigen Hinweis bietet auch das Körpergewicht. Denn im Gegensatz zu ihren normalgewichtigen Altersgenossen mit Typ-1-Diabetes sind betroffene Kinder und Jugendliche oft deutlich übergewichtig.

Das Übergewicht ist dabei einer der Hauptrisikofaktoren für den jugendlichen Diabetes: Neun von zehn Kindern mit Typ-2-Frühdiabetes sind zu dick. Dabei gilt auch: Je jünger und übergewichtiger Kinder sind, umso schneller schreitet die Stoffwechselstörung fort. Bekommen sie das Gewicht aber in den Griff, bevor die Pubertät einsetzt, sinkt auch das Diabetesrisiko.

Psychiatrische Komorbiditäten im Blick behalten

Bei den betroffenen Kindern und jungen Erwachsenen drohen im Prinzip die gleichen Komplikationen wie bei den älteren Patienten – nur verbleibt bei jungen Menschen wesentlich mehr Zeit, diese diabetesspezifischen Begleiterkrankungen zu entwickeln.

Zu den üblichen Diabeteskomplikationen kommt es bei jungen Menschen darüber hinaus noch vermehrt zu psychiatrischen Problemen wie depressiven Symptomen, Angsterkrankungen und bipolaren Störungen. Es ist unklar, ob diese psychischen Probleme eine Folge der chronischen Krankheit sind oder ob mentale Faktoren die Stoffwechselstörung begünstigen.

Lebensstilmassnahmen und medikamentöse Optionen bei Typ-2-Diabetes

Zwar lässt sich mit strikter Kalorienbeschränkung das Übergewicht von Kindern und Jugendlichen mit Typ-2-Diabetes reduzieren und der Stoffwechsel positiv beeinflussen, schreiben die Autoren. Eine solche strenge Ernährungsform hält aber kaum jemand über längere Zeit durch, geben sie weiter zu bedenken.

Und auch die medikamentösen Optionen für die Behandlung des Typ-2-­Diabetes bei jungen Menschen sind begrenzt. Zugelassen sind z.B. Metformin, Insulin und GLP1-Rezeptoragonisten.

GLP1-Rezeptoragonisten können allein oder kombiniert mit Metformin den HbA1c-Wert von jungen Typ-1-Diabetikern senken. Der Einfluss auf das Körpergewicht war in entsprechenden Studien aber allenfalls bescheiden. Dapa­gliflozin und andere Gliflozine zeigten erste vielversprechende Ergebnisse, doch die Langzeiteffekte und die langfristigen Nebenwirkungen müssen noch ausführlich untersucht werden, bevor allgemeine Empfehlungen möglich sind.

Langzeitfolgen bariatrischer Operationen noch unklar

Ähnliches gilt für bariatrische Operationen. Sie verringern zwar Gewicht und Blutzucker bis hin zur Remission des Diabetes, aber der Einfluss des Eingriffs auf das Wachstum und eventuelle Komplikationen über die vielen Jahrzehnte an Lebenszeit, die die jungen Patienten noch vor sich haben, sind derzeit vollkommen unklar.

In jedem Fall sollte die Therapie durch ein interdisziplinäres Team aus Kinderärzten, Endokrinologen, Gynäkologen und Psychologen erfolgen, gegebenenfalls ergänzt um weitere Experten, erinnern die Autoren.

Mehr Komplikationen bei Schwangerschaften

Eine spezielle Herausforderung für die behandelnden Ärzte stellt eine Schwangerschaft dar. Bei etwa einem Drittel der schwangeren Teen­ager mit Typ-2-Diabetes fanden Forscher eine Hypertonie und bei ebenfalls einem Drittel war der HbA1c-Wert mit über acht Prozent weit von den empfohlenen Werten entfernt.

Hinzu kommt, dass bei jedem zehnten Neugeborenen der jugendlichen Mütter mit Typ-2-Diabetes eine kongenitale Fehlbildung auftritt und fast eine von 25 Schwangerschaften mit einer Totgeburt endet. Diese Zahl ist wesentlich höher als bei jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes.

Dementsprechend sollte der zuständige Arzt frühzeitig die Überweisung zu einem Gynäkologen erwägen. So sollten junge Frauen mit einem Typ-2-Diabetes frühzeitig über Verhütung, die potenzielle Teratogenität von Medikamenten, sowie die Einnahme von Folsäure bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft informiert werden. Denn Frauen mit Typ-2-Diabetes sind in diesen Fragen weniger informiert als Frauen mit Typ-1-Diabetes, wie eine britische Untersuchung zeigt.

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