Medical Tribune
29. Mai 2024Ob der Herzschutz auch ein Krebsschutz ist, bleibt unklar

Mit der Herzinsuffizienz-Therapie Krebs vermeiden?

Patienten mit Herzinsuffizienz haben ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken und daran zu sterben. Die richtige Auswahl der medikamentösen Therapien könnte diesem Risiko also möglicherweise entgegenwirken. Allerdings gibt es noch viele unbekannte Faktoren.

Ob Medikamente gegen Herzinsuffizienz auch Krebs beeinflussen können, ist weiterhin unklar.
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Herzinsuffizienz und Krebs gehören zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Obwohl es sich bei beiden um unterschiedliche Krankheiten handelt, besteht zwischen ihnen eine wechselseitige Beziehung.

So hängen etwa manche Risikofaktoren und pathophysiologische Mechanismen miteinander zusammen. Kardiovaskuläre Erkrankungen sind bei Krebspatienten die häufigste nicht-krebsbedingte Todesursache. Gleichzeitig haben Herzinsuffizienzpatienten ein höheres Krebsrisiko und schlechtere Ergebnisse bei Krebserkrankungen im Vergleich zu Patienten ohne Herzprobleme, berichten Forscher der Semmelweis-Universität in Budapest (1).

Die Prävention und Behandlung von Herzinsuffizienz bei Patienten mit Krebs ist in den Leitlinien festgelegt. Es gibt jedoch keine offiziellen Empfehlungen, wie man Krebserkrankungen bei Herzpatienten verhindern oder den Verlauf verbessern kann. Die Autoren haben daher Informationen über die Auswirkungen von medikamentöser Herzinsuffizienz-Therapie auf Krebserkrankungen zusammengetragen.

Betablocker

Beta-Adrenozeptoren werden auf Krebszellen, Stromazellen und tumorassoziierten Makrophagen exprimiert und beeinflussen wahrscheinlich das Fortschreiten von Krebserkrankungen. Betablocker könnten daher das Krebsrisiko bei Herzinsuffizienzpatienten senken oder den Verlauf einer Krebserkrankung verbessern.

In präklinischen Studien zeigten Betablocker tatsächlich eine signifikante krebshemmende Wirkung. Die Ergebnisse klinischer Studien waren jedoch uneinheitlich und teilweise widersprüchlich. Einige Studien berichteten von einer verbesserten Überlebensrate bei Brust-, Lungen- und Hautkrebs, während andere keinen oder sogar einen negativen Effekt hatten.

RAAS-Inhibitoren

Eine RAAS (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System)-Dysregulation kann die Entstehung von Krebs fördern. Die krebshemmende Wirkung von Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmern (ACEI), Angiotensin-Rezeptorblockern (ARB) und Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten (MRA) konnte in präklinischen Studien bestätigt werden.

Dahingegen sind die klinischen Daten zur Wirkung von RAAS-Inhibitoren auf das Risiko für neu auftretende Krebserkrankungen widersprüchlich. In den meisten Metaanalysen fand sich kein Effekt. Nichtrandomisierte Studien ergaben eine geringere Rate an Speiseröhren-, Prostata-, Lungen- und Darmkrebs unter ACE-Hemmern/ARB, während Nierenkrebs und Melanome häufiger beobachtet wurden.

Bei Herzinsuffizienzpatienten mit bereits bestehender Krebserkrankung verbessern RAAS-Inhibitoren jedoch das onkologische Outcome, wie mehrere Metaanalysen zeigen.

ARNI

Es gibt nur wenige Daten zur Wirkung von Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitoren (ARNI) auf das Krebsrisiko. In einer randomisierten klinischen Studie war die Anzahl der Krebstodesfälle unter ARNI und ACE-Hemmern vergleichbar. Dahingegen führte die Einnahme von ARNI/ACEI/ARB in einer Kohortenstudie an Herzinsuffizienzpatienten mit leicht reduzierter Auswurffraktion zu einem Anstieg der Krebsinzidenz innerhalb von drei Jahren.

SGLT2-Inhibitoren

Glukose ist ein Hauptsubstrat für das Überleben und Wachstum von Krebszellen. Daher wurde die Hypothese aufgestellt, dass SGLT2-Inhibitoren, die den Glukosestoffwechsel beeinflussen, auch vor Krebs schützen könnten.

Im Tierversuch wurde eine krebshemmende Wirkung von SGLT2-Inhibitoren nachgewiesen. Diese Wirkung hing von der Glukoseaufnahme und dem Stoffwechsel ab. Es gibt auch Berichte über eine krebshemmende Wirkung von SGLT2-Inhibitoren unabhängig vom Blutzuckerstatus. Weitere präklinische Studien deuten darauf hin, dass diese Medikamente entzündliche Prozesse verringern, Proto-Onkogene inaktivieren und das Fortschreiten von Krebs unterdrücken können.

In klinischen Studien wurde gelegentlich über eine geringere Inzidenz verschiedener Krebsarten unter SGLT2-Inhibitoren berichtet. Metaanalysen zeigten jedoch keine signifikanten Veränderungen des Krebsrisikos für Brust-, Lungen-, Prostata-, Nieren-, Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs. Beim Melanom wurde sogar ein tendenziell erhöhtes Risiko unter SGLT2-Inhibitoren festgestellt.

Die widersprüchlichen Ergebnisse unterstreichen laut den Autoren, dass präklinische Studien nicht immer auf die klinische Praxis übertragbar sind. Randomisierte kontrollierte Phase-II-Studien wären erforderlich, um mehr Erkenntnisse über die Auswirkungen von Herzmedikamenten auf Krebserkrankungen zu gewinnen, so ihr Fazit.