Medical Tribune
11. Mai 2024Veränderter Bewusstseinszustand lässt sich für therapeutische Interventionen nutzen

Hypnose bei chronischen Unterbauchschmerzen

Chronische Unterbauchschmerzen sind multifaktoriell bedingt und mit Analgetika nicht einfach zu behandeln. Ansetzen kann hier die medizinische Hypnose, eine mittlerweile wissenschaftlich anerkannte Option zur Schmerzbehandlung.

Die Hypnose kann Endometrioseschmerzen nachgewiesenermassen verbessern.
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«Das einzig Mystische an Hypnose ist, dass viele Betroffene Angst haben, dass irgendetwas geschieht, was sie nicht wollen», sagt Dr. Manfred Koch, Oberarzt mbF Schmerztherapie, Kantonsspital Graubünden, am Kongress für Praktische Gynäkologie und Geburtshilfe (KPGG).

Doch die Hypnose macht weder willenlos noch führt sie zu Kontrollverlust, erklärt der Anästhesist. «Niemand kann gegen seinen Willen hypnotisiert werden.» Dr. Koch vergleicht Hypnose mit einem Bewusstseinszustand zwischen Tiefenentspannung und Schlaf, einer Trance. Dieser veränderte Bewusstseinszustand lässt sich für therapeutische Interventionen nutzen.

Schmerzverarbeitung nicht immer kognitiv

Die physiologischen Prozesse, die während der Hypnose ablaufen, lassen sich elektrophysiologisch messen. So sinken Atem- und Herzfrequenz und der Muskeltonus. Auch die Schmerzmatrix verändert sich. Die Veränderungen der Hirnströme lassen sich mit Elektroenzephalogramm (EEG), Magnetoenzephalografie (MEG) und funktioneller Positronen-Emissions-Tomografie (fPET) nachweisen (1,2).

«Schmerz ist immer individuell», betont Dr. Koch. Das Gehirn nimmt ein Signal aus der Peripherie oder einem Organ wahr, interpretiert und bewertet es. Diese Prozesse erfolgen nicht immer kognitiv. Schmerz ist deshalb immer etwas Physiopsychisches oder Psychophysisches und verknüpft mit anderen Emotionen wie Angst, Stress oder Schlafstörungen.

Die Erfahrung von frustranen Therapien kann den Stresslevel erhöhen und somit die Schmerz-Chronifizierung begünstigen. Der chronische Schmerz hat die Warnfunktion des akuten Schmerzes verloren und in das persönliche Schmerzerleben fliessen biologische, emotionale und soziale Faktoren ein, so Dr. Koch. Chronisch ist ein Schmerz, wenn er länger als drei Monate andauert.

Ein Schmerzsyndrom kommt selten allein

Nicht selten liegen überlappende Schmerzsyndrome vor. Das Fibromyalgiesyndrom beispielsweise betrifft bis zu 39 Prozent aller Endometriose-Patientinnen, das Reizdarmsyndrom 36 Prozent, die Migräne 35 Prozent und die Vulvodynie 15 Prozent (3). «Chronische Unterbauchschmerzen gehen einher mit einer Sensibilisierung von peripheren und zentralnervösen Strukturen. Das begünstigt die Entwicklung von überlappenden Schmerzsyndromen», erklärt Dr. Koch.

Die chronischen Beschwerden führen auch immer reflektorisch zu einer Anspannung der Beckenbodenmuskulatur, was ebenfalls Schmerzen verursachen kann. «Es lohnt sich daher, anamnestisch die Beschwerden genau zu evaluieren und abzuklären, ob es zusätzliche schmerzbezogene Faktoren gibt.»

Wirksamkeitsdaten zu Analgetika bestehen vor allem für akute Schmerzen. Der Grund: Chronische Schmerzen beinhalten auch psychosoziale Faktoren und die sind schlecht mit Analgetika zu steuern. Bis zu 30 Prozent einer analgetischen Behandlung können auf die Erwartung und nicht auf die pharmakologische Wirkung der verabreichten Medikamente zurückgeführt werden (5). Hier beispielsweise kann die Hypnose ansetzen (6,7). «Bei der Mehrheit funktioniert Hypnose ziemlich gut», weiss Dr. Koch. Ungefähr zehn bis 20 Prozent der Menschen sind nicht hypnotisierbar.

Realistisches Therapieziel im Auge behalten

Die erste gute Studie zur Hypnose für chronische Unterbauchschmerzen stammt aus dem Jahr 1987 (8). Sie zeigte eine gute Wirkung für das Reizdarmsyndrom. «Hypnose kann die Wahrnehmung verändern, Ängste und Stresslevel reduzieren, Adaptationsfähigkeit, Schlaf- und Lebensqualität verbessern und somit die Selbstwirksamkeit steigern», fasst der Experte die Studienergebnisse zusammen.

Das Therapieziel wird vom Patienten festgelegt. «Es gilt aber, gemeinsam mit dem Patienten sodann zu evaluieren, ob das Ziel auch realistisch ist. Denn Hypnose kann bei Krebs keinen Tumor heilen und lässt bei einer Glatze die Haare nicht wieder wachsen», so der Referent.