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Antibiotika, Asthma, Atopie

Antibiotika steigern Allergie-Risiko von Kleinkindern

Mutter gibt ihrem Kleinkind Medikamente durch eine Spritze

Antibiotika­-Therapien in den ersten Lebensjahren können die gesunde Interaktion zwischen Darmmikrobiom und dem sich entwickelnden Immunsystem stören und allergische Erkrankungen begünstigen. Daher gilt: Antibiotika gerade am Beginn des Lebens oder in der Schwangerschaft mit Bedacht einsetzen!

Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems entscheidend. Eine mikrobielle Dysbalance, zum Beispiel infolge einer Antibiose in der frühen Kindheit, kann die Entstehung von Allergien fördern. Umgekehrt erhöht beispielsweise das allergische ­Asthma bronchiale das Risiko für den unvernünftigen und unnötigen Einsatz von Antibiotika.

In einem Positionspapier im Auftrag der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) beleuchten nun niederländische Wissenschaftler die komplexen Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und allergischen Erkrankungen (1).

Weniger Bakterienspezies bei Asthma-Patienten

Während lungengesunde Menschen in ihren Atemwegen eine hohe mikrobielle Diversität aufweisen, sind bei Asthma-Patienten deutlich weniger Bakterienspezies zu finden. Neben dem Rauchen und einer Kortikoid-Therapie kann auch die Einnahme von Antibio­tika die mikrobielle Vielfalt in den Atemwegen relevant beeinträchtigen, berichten die Experten.

Das Hautmikrobiom von Gesunden weist ebenfalls eine deutlich grössere mikrobielle Diversität auf als das von Personen mit atopischer Dermatitis. Bei Letzteren dominiert oft ­Staphylococcus ­aureus, während kommensale Bakterien den Rückzug antreten.

Hauptschuldige sinnlose Antibiotika

Auffällig ist, dass insbesondere Patienten mit allergischen Erkrankungen über die Massen Antibiotika verordnet bekommen. Das könnte einerseits daran liegen, dass Menschen mit Allergien als besonders anfällig für bakterielle Infektionen gelten. Eine alternative Erklärung könnte aber auch sein, dass sich allergische Symptome häufig nur schwer von denen eines Infekts abgrenzen lassen. Die Autorengruppe des Positionspapiers vermutet, dass letzteres sogar den Hauptgrund für den übermässig häufigen Antibiotikaeinsatz bei dieser Patientengruppe darstellt.

Fast jedes sechste Kind, das in den USA aufgrund von Asthma in einer ambulanten Einrichtung vorgestellt wird, erhält ein Antibiotikum, berichten die Autoren. Und erwachsene Patienten mit Asthma-Exazerbation bekommen in nahezu 50 Prozent der Fälle eine Antibiose verordnet. Da die Exazerbationen allerdings in der Regel viral getriggert sind, dürften diese Medikamente in den meisten Fällen überflüssig sein – oder gar schädlich, da sie das respiratorische Mikrobiom weiter destabilisieren und Resistenzen induzieren können, schreiben die Kollegen.

Prä- oder Probiotika: Kaum sinnvolle Daten, mit denen die Einnahme begründet werden kann

Die sogenannten Prä- und Probio­tika scheinen den Ergebnissen von In-vitro-Studien zufolge speziell zum Aufbau eines normalen Darmmikrobioms beizutragen und Entzündungsmechanismen im Allgemeinen zu modulieren. Probiotika sind definitionsgemäss «Präparate mit lebensfähigen Mikroorganismen, die einen gesundheitlichen Nutzen bieten, wenn sie in angemessener Menge angewandt werden». Meistens handelt es sich um Lactobacillus- und Bifidobacterium-Spezies sowie um Hefen wie ­Saccharomyces ­boulardii. Präbiotika sind fermentierte Lebensmittelbestandteile, die zu spezifischen Veränderungen der Zusammensetzung oder der Aktivität der gastrointestinalen Mikroflora beitragen, etwa Fruktooligosaccharide oder Galaktooligosaccharide.

Die Evidenz zum Nutzen der Pro- und Präbiotika ist insgesamt aber eher schwach, betonen die Autoren. Die Studien zum Thema sind vom Aufbau her und in ihrer Zielsetzung sehr heterogen.

Experten-Empfehlungen

  • bei Schwangeren und kleinen Kindern: Einsatz von Antibiotika so gut wie möglich vermeiden
  • bei Asthma und atopischer Dermatitis: Einsatz von Antibiotika so gut wie möglich vermeiden
  • falls Antibiotika gegeben werden müssen: Substanzen mit möglichst schmalem Spektrum über eine möglichst kurze Zeit verordnen
Referenz
  1. Tramper-Stranders G et al. Dangerous liaisons: Bacteria, antimicrobial therapies, and allergic diseases. Allergy. 2021 Nov;76(11):3276-3291. doi: 10.1111/all.15046. 
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