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Gutes Timing

MS-Therapie für Kinder und Jugendliche: Handeln statt zögern!

Zwei Kleinkinder auf einer Wiese ein Kleinkind sitzt im Rollstuhl

Registerdaten zeigen, dass die moderne MS-Therapie inklusive einem früheren Einsatz krankheitsmodifizierender Therapien das Behinderungsrisiko von jungen MS-Patienten um 50-70 Prozent reduzieren konnte.

Typischerweise beginnt die MS zwar bei jungen Erwachsenen, doch in drei bis fünf Prozent der Fälle manifestieren sich die neurologischen Defizite bereits im Kindesalter. Am MS-State-of-the-Art-Symposium 2022 (1) stellte Professor Dr. Brenda Banwell, Philadelphia, die etablierten Therapie-Strategien für Kinder und Jugendliche mit MS vor.

Die früh einsetzende MS ist jedenfalls eine therapeutische Herausforderung; bei ihr sind die Schubraten in der ersten sechs Jahren im Schnitt mehr als doppelt so hoch wie bei späterem Beginn. Die Diagnosestellung erfolgt dabei anhand der McDonald-Kriterien in der 2017 revidierten Fassung. « Auch bei Kindern überzeugen sie durch ihre Sensitivität und Spezifität, sowie einen hohen positiven wie auch negativen prädiktiven Wert» erklärt Dr. Banwell.

Glukokortikoide für den akuten Schub

Ein akuter MS-Schub beim Kind wird wie bei Erwachsenen mit einer intravenösen Gabe von Methylprednisolon (30 mg/kg täglich als Einzeldosis, max. 1 g/Tag) über drei bis fünf Tage behandelt. Bei einem fulminanten Schub, der nicht auf die Steroid-Puls-Therapie anspricht, kann eine Plasmapherese (i.d.R. 5 Zyklen) oder eine Immunadsorption durchgeführt werden.

Hochwirksame Medikamente für die Immuntherapie

Prof. Banwell unterstreicht aber auch die Wichtigkeit einer frühen Immuntherapie, gerade auch bei Kindern und Heranwachsenden. Idealerweise sollte diese bereits bei Diagnosestellung erfolgen. «In der Vergangenheit hat man eine Eskalation der Therapie dann erwogen, wenn das Ansprechen auf konventionelle Medikamente (z.B. Interferone, Glatirameracetat) ungenügend war. Neue Daten setzten einen Umdenkprozess in Gang, und man tendiert inzwischen dazu, bereits früh hochwirksame Medikamente für die Dauertherapie einzusetzen.»

Sie verweist auf ein italienisches MS-Register, das die Verläufe von über 59.000 MS-Patienten dokumentiert, darunter 3.198 Fälle mit Krankheitsbeginn in der Kindheit. Untersucht wurde dann, ob eine Erstdiagnose in unterschiedlichen Epochen (vor 1993, 1993-1999, 2000-2006, und 2007-2013) sich auf den Krankheitsverlauf auswirkte. Dabei konnten die Autoren sehen, dass das Behinderungsrisiko über die Zeit um 50–70 Prozent reduziert werden konnte. Sie mutmassten, dass dieser Unterschied auf den vermehrten und frühen Einsatz höher potenter Immuntherapeutika über die Jahre zurückzuführen ist (2).

Fingolimod bei Kindern mit MS

Fingolimod wird bei erwachsenen Patienten mit schubförmiger MS eingesetzt. Die PARADIGMS Studie, die erste Phase-III-Studie bei pädiatrischen MS-Patienten, diente dazu, die Wirksamkeit und Sicherheit des oralen Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-Modulators gegenüber Interferon beta-1a bei Kindern mit MS-Diagnose zu untersuchen (3).

Unter Fingolimod kam es zu einer signifikanten Reduktion der jährlichen Schubrate verglichen mit IFN beta-1a (relative Reduktion um 82 Prozent, p<0,001). Nach 24 Monaten waren 85,7 Prozent der Patienten im Fingolimod-Kollektiv frei von bestätigten MS-Schüben, im Vergleich mit 38,8 Prozent unter IFN-beta-1a. Darüber hinaus kam es unter Fingolimod zu einem um 40 Prozent geringeren jährlichen Hirnvolumen-Verlust als unter IFN beta-1a.

Nebenwirkungen wurden bei 88,8 Prozent unter Fingolimod und 95,3 Prozent unter IFN beta-1a beobachtet. Allerdings war die Rate schwerer Nebenwirkungen unter Fingolimod (16,8 vs. 6,5%) höher.

Referenzen
  1. MS State of the Art Symposium 2022 «New Frontiers in MS – Therapy across the Age Span», 29. Januar 2022
  2. Baroncini D et al. Risk of Persistent Disability in Patients With Pediatric-Onset Multiple Sclerosis. JAMA Neurol. 2021 Jun 1;78(6):726-735. doi: 10.1001/jamaneurol.2021.1008.
  3. Chitnis T et al. Trial of Fingolimod versus Interferon Beta-1a in Pediatric Multiple Sclerosis. N Engl J Med. 2018 Sep 13;379(11):1017-1027. doi: 10.1056/NEJMoa1800149. 
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