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Von Chondroitinsulfat bis NSAR

Was hilft bei Fingerpolyarthrose?

Bei einem grossen Teil der über 70-Jährigen findet man eine radiologisch nachweisbare Fingerpolyarthrose. Symptomatisch wird nur ein Teil davon. Welche Massnahmen von Nutzen sind, wenn es zu Schmerzen und Funktionseinschränkung kommt, erläuterte Dr. Stefan Bachmann, Kliniken Valens, an einem Symposium* im Rahmen der Medidays.

Röntgenbild von einer menschlichen Hand

Hier hat die Arthrose die Fingerend- und -mittelgelenke angegriffen.

Von der Fingerpolyarthrose können vier Arten von Gelenken befallen sein (s. Kasten). Neben genetischen Ursachen oder einer vermehrten Belastung der Hände erhöhen auch metabolische Faktoren wie Adipositas, Diabetes oder Hypercholesterinämie das Risiko für den Gelenkverschleiss. Dabei ist die Adipositas deutlich häufiger mit einer erosiven Arthrose assoziiert und beim Diabetes ist ein Zusammenhang mit einer radiologischen Progression über sieben Jahre im Vergleich zu Personen ohne Diabetes beschrieben, erläuterte der Experte.

Klinisch macht sich die Fingerpolyarthrose mit Schmerzen, einer meist weniger als 30 Minuten anhaltenden Morgensteifigkeit, Rötung/Überwärmung (meist bei der erosiven oder aktivierten Form) sowie nodulären Auftreibungen der Fingermittel- und -endgelenke bemerkbar. Personen mit erosiven Veränderungen haben deutlich mehr Handschmerzen und eine grössere funktionelle Einschränkung im Vergleich zu Personen mit nichterosiver Arthrose.

Viermal Fingergelenkarthrose

  • Am häufigsten ist der Befall der distalen Interphalangealgelenke, die sogenannte Heberden-Arthrose (45 %).
  • Am zweithäufigsten ist die Daumensattelgelenkarthrose, der Befall des Carpometacarpale-I-Gelenks (Rhizarthrose, 40 %).
  • Etwas weniger häufig sind die proximalen Interphalangealgelenke (Bouchard-Arthrose, 20 %) betroffen.
  • Die Metacarpophalangealgelenke werden mit einer Häufigkeit von 10 % in Mitleidenschaft gezogen (meist sekundär, z.B. im Rahmen einer Hämochromatose).

«Der wichtigste Behandlungspfeiler ist die konservative Therapie», so Dr. Bachmann. «Wie bei allen Arthrosen beginnen wir mit nichtmedikamentösen Massnahmen wie Lebensstil-Modifikationen, insbesondere Gewichtsabnahme, Kontrolle der Risikofaktoren und Reduktion der Handbelastung.» Zu empfehlen sind auch Übungsbehandlungen. Damit lassen sich Schmerzen, Steifigkeit und Handfunktion verbessern, wie eine Cochrane-Analyse zeigen konnte.1 Bei der Rhizarthrose sollte eine Orthese in Erwägung gezogen werden. Daneben empfiehlt das American College of Rheumatology (ACR) Akupunktur, Kinesiotaping, Paraffin-Kneten oder auch die kognitive Verhaltenstherapie.2 Ähnliche Empfehlungen gibt auch die EULAR.3

Übungen verbessern Schmerz und Funktion

Sind diese Massnahmen nicht zielführend, braucht es eine medikamentöse Behandlung. Das ACR empfiehlt in erster Linie orale NSAR, die EULAR topische NSAR.2,3 Topische NSAR können die Schmerzen lindern, müssen jedoch vier- bis fünfmal täglich angewendet werden, was im Alltag oft nicht praktikabel ist, so der Hinweis von Dr. Bachmann. Paracetamol ist zwar noch in den Richtlinien vertreten, in grossen Metaanalysen hat man jedoch keinen Benefit gegenüber Placebo gefunden, erklärte der Referent. Bei Kontraindikationen gegen NSAR kann trotzdem ein Versuch gestartet werden. Daneben sind auch Tramadol und Duloxetin eine Option. Bei der erosiven Form ist ein Versuch mit intraartikulären Steroiden zu erwägen.

«Ich versuche immer auch eine Basistherapie mit Chondroitinsulfat», so Dr. Bachmann. Seiner Meinung nach ist die Kombination aus NSAR und Chondroitinsulfat bei einer schmerzhaften Hand- und Fingergelenkarthrose sehr sinnvoll.

Die Wirksamkeit von Chondroitinsulfat bei der Fingergelenkarthrose konnte in einer placebokontrollierten Studie4 belegt werden. In der Dosierung von 800 mg/Tag reduzierte das Präparat über sechs Monate den Spontanschmerz auf einer visuellen Analogskala signifikant im Vergleich zu Placebo. Auch die Funktionsfähigkeit, gemessen am Dreiser-Index, verbesserte sich signifikant. Chondroitinsulfat hat den Vorteil, dass es kaum Nebenwirkungen verursacht. Es können vorübergehend leichte Oberbauchbeschwerden auftreten, die aber in den ersten sieben bis zehn Tagen verschwinden, erklärte der Experte. Auch die EULAR empfiehlt verschreibungspflichtiges Chondroitinsulfat bei Schmerzen und Funktionsbeeinträchtigungen (1b-Evidenz, A-Empfehlung).3

Keinen Platz in der Therapie der Fingerpolyarthrose haben dagegen konventionelle DMARDs** wie Methotrexat oder Biologika wie TNF-α-Hemmer oder Interleukin-Rezeptor-Antagonisten. Chirurgische Interventionen sind zu prüfen, wenn die konservative Behandlung nicht ausreicht und die Handfunktion deutlich eingeschränkt ist. Zum Einsatz kommen die Trapezektomie bei Rhizarthrose und Arthrodesen bei Interphalangealarthrose, erklärte der Experte.

* Satellitensymposium IBSA

**disease-modifying antirheumatic drugs

  1. Østerås N et al. Cochrane Database Syst Rev 2017; 1(1): CD010388.
  2. Kolasinski SL et al. Arthritis Care Res (Hoboken) 2020; 72(2): 149–162.
  3. Kloppenburg M et al. Ann Rheum Dis 2019; 78(1): 16–24.
  4. Gabay C et al. Arthritis Rheum 2011; 63(11): 3383–3391.
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