Medical Tribune
26. Sept. 2012Fettleibige ohne Stoffwechselprobleme

Warum “glückliche Dicke” auch mit Speck gesund bleiben

Wie findet man heraus, wem Übergewicht gefährlich wird? Seit sechs Jahren werden in der Tübinger Familien-Studie (TÜF) Daten zu Risikoprofilen von diabetesgefährdeten Patienten erhoben. Rund 400 von ihnen nahmen am Tübinger Lebensstil-Interventions-Programm (TULIP) teil, berichtete Professor Dr. Hans-Ulrich Häring von der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen beim 55. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Dabei fanden die Wissenschaftler einige Erklärungen dafür, warum Lebensstiländerungen bei manchen Menschen sehr viel bewirken und bei anderen kaum etwas.

25 bis 30 % der untersuchten Dicken fielen in die Kategorie "happy obese". Sie scheinen trotz ihres Übergewichtes kein erhöhtes Stoffwechsel-Risiko zu haben. Diese "Glücklichen" bleiben insulinempfindlich und die Gefässwanddicke ihrer Halsschlagader (als früher Marker des Herzerkrankungsrisikos) ist anhaltend niedrig. Die "happy obese" haben nach Studiendaten kein höheres Krebs-, kardiovaskuläres (Herzgefässe betreffend) oder Gesamt-Sterberisiko als Stoffwechselgesunde.

Fetuin-A signalisiert Diabetes-Gefahr

Was die "happy obese" auszeichnet, ist weniger Fett an den Organen, aber vor allem die geringere Anreicherung von Fett in Skelettmuskel und Leberzellen. Besonders die Fettspeicherung in den Leberzellen war sehr eng mit der Insulinresistenz (Unempfindlichkeit) und mit entzündlichen Prozessen gekoppelt, berichtete Prof. Häring.

Die bösartige Fettleber scheint den Weg zum Typ-2-Diabetes zu ebnen. Daneben gebe es aber auch eine gutartige Fettleber, die nicht mit einer Insulinresistenz vergesellschaftet ist. Das "giftige Signal" entstehe wohl erst dann, wenn aufgrund einer Genvariante die Fett-Speicherung der Leber nicht erfolgreich sei. Dann steigen die Spiegel des Eiweisses Fetuin-A, das die Insulinresistenz und einen Anstieg der Entzündungsaktivität auslöst.

Auswertungen der grossen Potsdam-EPIC-Kohorte mit mehr als 27 000 Menschen zeigen, dass Menschen mit erhöhten Fetuin-A-Spiegeln auch vermehrt diabetesgefährdet sind und ein bis auf das Vierfache gesteigertes kardiovaskuläres Risiko aufweisen.

Andererseits ist Fetuin-A auch ein Laborwert für Menschen, die nicht so gut auf Sport und Ernährungsumstellungen ansprechen. Obwohl sie sich an die ärztlichen Vorgaben halten, nehmen Insulinresistenz und Leberfettgehalt dieser "unglücklichen Dicken" nur wenig ab. Solche "Diabetiker-Vorstufen" und "Sport-Non Responder" wären eventuell Kandidaten für eine frühe Medikamenteneinnahme, meint Prof. Häring.