Medical Tribune
28. Juli 2014Schwindelattacken bei Lageveränderungen

Benignen Lagerungsschwindel bändigen

Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV) ist die am häufigsten vorkommende Schwindelart. Es wird von einer Inzidenz von bis zu 64 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern jährlich in Deutschland ausgegangen. Das Risiko steigt mit dem Lebensalter. Die Schwindelattacken treten bei Lageveränderungen des Kopfes auf und dauern meist nicht länger als eine Minute.

Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen sind häufig, Tinnitus oder Hörverlust nicht mit einer BPPV vergesellschaftet. Ein auslösendes Ereignis ist meist nicht erkennbar, die Störung kann spontan verschwinden und wieder auftreten. Gefährdet sind die Patienten durch eine erhöhte Fallneigung, die täglichen Aktivitäten sind häufig durch Angst vor neuen Attacken eingeschränkt.

Herbstblätter am Boden
iStock/nm737

Kalziumkristalle im posterioren Bogengang

Ausgelöst werden die Drehschwindelattacken durch frei bewegliche Kalziumkarbonatpartikel (Otokonien), die sich aus der Otolithenmatrix des Utriculus gelöst haben und in einen der drei Bogengänge des Vestibularorgans gelangen. Dort induzieren die Kris­talle bei Lageveränderungen des Kopfes unphysiologische Endolympheströme, die dem Sinnesepithel Körperdrehungen vermitteln, die nicht vorhanden sind – es kommt zum "Fehlalarm" Schwindel.

In bis zu 90 % der BPPV-Fälle ist der posteriore Bogengang betroffen, in den oberhalb gelegenen anterioren Bogengang verirren sich die Otokonien nur selten.

In der Untersuchung registriert man nach gezielt durchgeführten Lageveränderungen des Kopfes die Augenbewegungen hinsichtlich Dauer und Bewegungsrichtung, um zentrale Ursachen ausschliessen zu können (siehe Tabelle).

Betroffenen Bogengang mit typischen Nystagmus entlarven

Die Diagnose BPPV wird gestützt durch einen kurzfristigen Nystagmus bei Veränderungen der Kopfhaltung. Zur Identifikation stehen verschiedene Lagerungsmanöver zur Verfügung, z.B. das von Dix-Hallpike, die je nach betroffenem Bogengang einen typischen Nystagmus auslösen.

Allerdings ist die Anatomie des Ves­tibularisorgans nicht ganz einfach, sodass viele Allgemeinärzte die unterschiedlichen Bewegungsmuster des Auges nur schwer interpretieren können – zumal die Patienten die Augen oft schliessen.

Auch können mehrere Bogengänge betroffen sein oder der Nystagmus kann ganz fehlen. Im Zweifelsfall sollte deshalb an den Facharzt überwiesen werden.

Behandlungsverfahren der Wahl für den BPPV nach Epley

Normalerweise verschwindet der BPPV spontan nach einigen Wochen. Wegen des erhöhten Sturzrisikos bieten sich Repositionsmanöver an, die die Beschwerden oft prompt und vollständig verschwinden lassen. Medikamente (Dimenhydrinat nach DGN-Leitlinie) sind bei schwerer Übelkeit und Erbrechen indiziert, chirurgische Massnahmen nur in Ausnahmefällen erforderlich.

Die in der Vignette beschriebene Patientin hatte Symptome, die klar für eine BPPV sprachen. Durch das Dix-Hallpike-Manöver wurde die Diagnose BPPV des posterioren Bogengangs bestätigt, als Repositionsmanöver das Verfahren nach Eply eingesetzt. Bereits beim ersten Durchgang sind Patienten beschwerdefrei und können entlassen werden - mit dem Hinweis, dass die Symptome wiederkommen können.

Quelle: Ji-Soo Kim et al., N Engl J Med 2014; 370: 1138-1147