Medical Tribune
6. Nov. 2026Spermienqualität oft schon vor Therapiebeginn beeinträchtigt

Männliche Fruchtbarkeit und Krebs

Eine Krebserkrankung kann die männliche Fruchtbarkeit bereits vor Therapiebeginn beeinträchtigen. Wie stark sich die Spermienqualität durch die Erkrankung und ihre Behandlung verändert, untersuchte nun eine Schweizer Studie.

Amazing macro view through the microscope at Petri Dish with many spermatozoa inside in the IVF laboratory. Horizontal.
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Immer mehr Männer im reproduktiven Alter erkranken an Krebs. Während ihre Überlebenschancen dank moderner Therapien steigen, bleibt die Fruchtbarkeit häufig gefährdet. Dabei kann nicht nur die Behandlung, sondern bereits die Krebserkrankung selbst die Spermienqualität beeinträchtigen. Besonders betroffen scheinen Männer mit Hodenkrebs und hämatologischen Malignomen zu sein.

In einer retrospektiven Kohortenstudie untersuchten Wissenschaftler um Myriam Vogt und Dr. Marcel Steinmann vom Luzerner Kantonsspital die Spermienqualität vor und nach einer Krebsbehandlung. Sie analysierten 373 Patienten im Alter von 13 bis 50 Jahren, die sich zwischen 2005 und 2024 vor Therapiebeginn zur Fertilitätserhaltung einer Spermaanalyse unterzogen hatten. Davon hatten 49,3 % Hodenkrebs, 32,7 % ein hämatologisches Malignom und 18 % einen anderen soliden Tumor. Als Vergleichsgruppe dienten 2871 gesunde Schweizer Militärrekruten. Die Wissenschaftler berücksichtigten Tumorstadium, Begleiterkrankungen und Lebensstilfaktoren.

Signifikante Unterschiede vor allem bei Hodenkrebs

Bereits vor Therapiebeginn wiesen Krebspatienten im Vergleich zur gesunden Referenzpopulation eine geringere Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl und Zahl beweglicher Spermien auf. Nach Adjustierung für Alter, BMI, Kryptorchismus, endokrine Begleiterkrankungen und Lebensstilfaktoren blieben diese Unterschiede jedoch nur bei Patienten mit Hodenkrebs signifikant. Bei ihnen war auch eine Azoospermie am häufigsten. Patienten mit Hodenkrebs wiesen zudem signifikant erhöhte FSH-Spiegel auf, was auf eine bereits vorbestehende Einschränkung der Spermatogenese hindeutet.

Wie sich die Spermienqualität nach der Behandlung entwickelte, hing wesentlich von der Krebsart und den eingesetzten Therapien ab. Patienten mit Hodenkrebs hatten vor Therapiebeginn zwar die schlechtesten Spermaparameter, zeigten danach aber das grösste Erholungspotenzial: Spermienkonzentration und Gesamtspermienzahl blieben weitgehend stabil, die Motilität verbesserte sich sogar signifikant. Die Autoren vermuten, dass die Entfernung des Tumors die Spermatogenese teilweise wiederherstellen könnte.

Bei Patienten mit hämatologischen Malignomen und anderen soliden Tumoren nahmen Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl und Zahl beweglicher Spermien dagegen signifikant ab – vermutlich aufgrund der höheren Gonadotoxizität der eingesetzten systemischen Therapien. Die Häufigkeit einer Azoospermie stieg nach der Behandlung in allen Tumorgruppen an, auch bei Patienten mit Hodenkrebs.

Fertilitätserhaltung gelingt meist

Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer frühzeitigen Fertilitätsberatung. Bei 93,2 % der Patienten konnte bereits nach der ersten Spermaprobe Ejakulat kryokonserviert werden. Bei 4,3 % gelang die Spermiengewinnung weder über das Ejakulat noch mittels testikulärer Spermienextraktion.

Dass eine biologische Vaterschaft auch nach einer Krebserkrankung möglich bleibt, zeigen die Geburtenzahlen: Bei 29,2 % der Patienten kam es nach Therapieabschluss zur Geburt eines Kindes. Deutliche Lücken bestanden jedoch in der Nachsorge: Nur bei rund einem Viertel der Patienten wurde eine erneute Spermaanalyse in Luzern durchgeführt.