Medical Tribune
28. Okt. 2026Resultate sprechen dafür, den Menstruationszyklus stärker zu berücksichtigen

Typ-1-Diabetes: Insulinbedarf variiert mit dem Menstruationszyklus

Auch moderne Systeme zur automatisierten Insulinabgabe können zyklusbedingte Schwankungen offenbar nicht vollständig ausgleichen. In einer Studie haben Forscher untersucht, wie sich bei Patientinnen mit Typ-1-Diabetes die Glukosewerte, die Insulinsensitivität und der Insulinbedarf im Verlauf des Menstruationszyklus verändern.

Glucometer with blood test results in patient hand fills in results in daily report. Diabetes mellitus concept
Ivan-balvan/gettyimages

Automatisierte Insulinabgabesysteme (AID) haben die Glukosekontrolle bei Typ-1-Diabetes deutlich verbessert. Ihre Algorithmen berücksichtigen jedoch nicht alle physiologischen Faktoren, die den Insulinbedarf beeinflussen.

Dazu gehören auch hormonelle Schwankungen während des Menstruationszyklus. Frühere Untersuchungen deuteten bereits darauf hin, dass die Insulinsensitivität in der Follikelphase höher ist und in der Lutealphase abnimmt. Wie ausgeprägt diese Unterschiede unter modernen AID-Systemen sind, ist jedoch bislang unzureichend untersucht.

Dieser Frage gingen Wissenschaftler um Stefanie Hossmann vom «Diabetes Center Berne» nach. Anhand von Real-World-Daten menstruierender erwachsener Frauen mit Typ-1-Diabetes und regelmässigen Zyklen untersuchten sie, wie sich glykämische Muster, Insulinbedarf und Insulinsensitivität in den verschiedenen Phasen des Menstruationszyklus verändern.

Insulinbedarf steigt in der Lutealphase

Ihre dezentrale Beobachtungsstudie umfasste 77 Patientinnen mit total 380 Menstruationszyklen und 10 107 Beobachtungstagen. Die Teilnehmerinnen stellten anonymisierte Daten zu Glukosewerten, Insulinabgabe, Kohlenhydrataufnahme und Menstruationszyklus bereit. Mithilfe eines hierarchischen bayesianischen Modells schätzten die Forscher die Insulinsensitivität in den einzelnen Zyklusphasen.

Im Zyklusverlauf stiegen Insulinbedarf und Kohlenhydrataufnahme, während sich die Glukosekontrolle verschlechterte. Die tägliche Gesamtinsulindosis lag in der frühen Follikelphase 4,1 % unter dem Zyklusmittel und in der mittleren Lutealphase 4,1 % darüber. Parallel nahm die Kohlenhydrataufnahme von −3,4 % auf +3,2 % zu.

Trotz der höheren Insulindosen stiegen die mittleren Glukosewerte und die Zeit im Zielbereich nahm ab. Zwischen früher Follikel- und früher Lutealphase sank die Time in Range (TIR) um 2,8%, die Time in Tight Range (TITR) sogar um 7,1%. Bei 15,7% der Teilnehmerinnen ging die TIR um mehr als 10% zurück. Gleichzeitig nahm die Zeit oberhalb des Zielbereichs im Zyklusverlauf zu.

Die Insulinsensitivität war in der frühen Follikelphase am höchsten und erreichte in der mittleren Lutealphase ihren Tiefpunkt. Dabei reagierten die Teilnehmerinnen keineswegs einheitlich: Zwar folgten grundsätzlich 84,7 % dem beobachteten Muster, allerdings in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Bei den übrigen 15,3% waren die zyklusabhängigen Veränderungen deutlich schwächer.

Die Ergebnisse sprechen dafür, den Menstruationszyklus stärker in das Diabetesmanagement einzubeziehen und die Therapie individuell an zyklusbedingte Veränderungen anzupassen. Ein Aspekt, den bisher weder Leitlinien noch AID-Systeme ausreichend berücksichtigen.