Medical Tribune
20. Okt. 2026Überdiagnosen und mehr fortgeschrittene Prostata-Karzinome

Opportunistisches PSA-Screening in der Schweiz

Eine aktuelle Analyse von Schweizer Daten aus mehr als vier Jahrzehnten legt nahe, dass erhebliches Potenzial zur Optimierung der Früherkennung von Prostatakrebs besteht.

Faceless view of senior man talking to doctor in bright light while taking notes on clipboard
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In den frühen 2010er-Jahren ging von den USA ein Trend aus, das routinemässige PSA-Screening zurückzufahren, um Überdiagnosen zu vermeiden. In der Folge sanken in vielen Ländern die Prostatakrebsraten. Gleichzeitig stieg jedoch die Zahl der fortgeschrittenen und prognostisch ungünstigen Fälle.

Da für die Schweiz bislang detaillierte Daten fehlten, untersuchten Schweizer Wissenschaftler anhand von nationalen Krebsregister- und Mortalitätsdaten die Entwicklung von Inzidenz und Überleben beim Prostatakarzinom in der Schweiz von 1980 bis 2021. Sie erfassten 142.665 Männer mit primärem Prostatakrebs, von denen etwa 70 % zwischen 60 und 79 Jahre alt waren.

Männer mit erhöhtem Risiko bleiben oft unberücksichtigt

Die Prostatakarzinom-Inzidenz stieg zunächst deutlich von 125,6 Fällen pro 100 000 im Jahr 1980 auf einen Höchstwert von 226,6 im Jahr 2004. Nach den ab 2011 ausgesprochenen Empfehlungen gegen ein routinemässiges PSA-Screening sank sie bis 2014 auf 173,5, stieg danach aber wieder an und erreichte 2021 mit 220,6 fast das frühere Maximum. Besonders ausgeprägt war dieser Anstieg bei 50- bis 79-Jährigen sowie bei lokalisierten Tumoren, Union for International Cancer Control (UICC)-Stadien I und II und Tumoren mit einem Gleason-Score ≤ 7. Die Inzidenz von Karzinomen mit Gleason-Score 8–10 blieb dagegen seit 2012 weitgehend stabil. Gleichzeitig nahm jedoch seit 2011 auch die Häufigkeit fernmetastasierter beziehungsweise im Stadium IV diagnostizierter Erkrankungen zu.

Die Autoren interpretieren diese gegenläufigen Entwicklungen als Hinweis auf Schwächen der derzeitigen opportunistischen Früherkennung. Der Anstieg prognostisch günstiger Tumoren könnte auf Überdiagnosen durch häufigere PSA-Tests, den Einsatz von MRT, gezielte Biopsien und risikobasierte Diagnostik hinweisen. Zugleich deutet die Zunahme fortgeschrittener Tumoren darauf hin, dass Männer mit hohem Risiko nicht ausreichend erreicht werden. Ein kausaler Zusammenhang mit den veränderten Screening-Empfehlungen lässt sich aufgrund des Beobachtungsdesigns allerdings nicht nachweisen.

Ungeachtet dieser Entwicklung verbesserte sich die Prognose erheblich. Seit den frühen 1990er-Jahren sank die altersbereinigte Sterblichkeit kontinuierlich und erreichte 2021 mit 34,8 Todesfällen pro 100.000 ihren Tiefststand. Parallel stieg das relative 10-Jahres-Überleben von 46,2 % in den Jahren 1982–1991 auf 88,5 % im Zeitraum 2012–2021. Besonders günstig war die Prognose bei lokalisierten Tumoren mit einem relativen 10-Jahres-Überleben von 99,2 %. Bei fernmetastasierter Erkrankung betrug es dagegen lediglich 19,5 %, bei UICC-Stadium IV 43,1 %. Die deutliche Verbesserung des Überlebens führen die Autoren insbesondere auf Fortschritte in der Behandlung zurück.

Potenzial für stärker risikoadaptiertes Screening

Die Daten zeigen somit ein Spannungsfeld zwischen zunehmender Diagnose prognostisch günstiger Tumoren und gleichzeitig steigender Inzidenz fortgeschrittener Erkrankungen. Nach Ansicht der Autoren besteht daher erhebliches Potenzial für eine stärker risikoadaptierte Prostatakarzinom-Früherkennung, die Überdiagnosen reduziert und zugleich Männer mit erhöhtem Risiko für aggressive Tumoren zuverlässiger identifiziert.