Medical Tribune
9. Okt. 2026Früh hinschauen, gezielt behandeln

Endometriose und Adenomyose im Jugendalter

Dysmenorrhoe, chronische Bauchschmerzen und Schulabsenzen verlangen bei Jugendlichen eine gezielte Abklärung. Endometriose und Adenomyose beginnen oft früh, bleiben aber lange unerkannt. Eine strukturierte Diagnostik mit Ultraschall oder MRT und eine rasche Therapie können Schmerzen begrenzen, Lebensqualität erhalten und dazu beitragen, die Fertilität langfristig zu schützen.

Endometriosis. Laparoscopic image of adhesions and endometriotic lesions (red) affecting the recto-uterine pouch (pouch of Douglas) of a 32-year-old female patient. Endometriosis is a condition in which cells from the lining of the uterus (endometrium) appear and flourish outside the uterine cavity, most commonly on the membrane which lines the abdominal cavity, the peritoneum. Symptoms of endomet
Science Photo Library/PR. MICHEL CANIS

Schwere Menstruationsschmerzen (VAS > 7) führen junge Patientinnen häufig in die gynäkologische Praxis. Sie können auf eine frühe Endometriose oder Adenomyose hinweisen, die beide bereits in der Jugend Beschwerden verursachen.

Der Schmerz beginnt oft früh. Viele junge Patientinnen berichten über Beschwerden, die vor oder in ersten Jahren nach der Menarche begannen. Manche leiden unter chronischen Bauch- oder Beckenschmerzen ohne klare Bindung an die Blutung. Andere spüren Schmerzen beim Sport oder im Alltag. Bei manchen Jugendlichen kommen Dyschezie und Dysurie während der Menstruation hinzu. Auch Übelkeit, Erbrechen, Synkopen und Fatigue gehören zu den Symptomen. Ein wichtiges Warnsignal ist Schulabsentismus oder Arbeitsunfähigkeit (1).

Bei zwei Drittel beginnen die Schmerzen in der Jugend

«Eines der wichtigsten und stärksten Werkzeuge ist es, unseren Patientinnen zuzuhören», erklärte Dr. Carolin Marti, Leitende Ärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe, HFR Fribourg, in ihrem Vortrag.

Nicht jede Dysmenorrhoe bedeutet, dass eine Endometriose oder Adenomyose dahinterstecken. In Studien berichten bis zu 90 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen über Menstruationsschmerzen.1, 2 Die Prävalenz der Endometriose liegt dagegen bei etwa 10–15 %, so die Expertin. Bei etwa zwei Drittel der erwachsenen Patientinnen begannen die Schmerzen bereits in ihrer Jugend. Daher ist eine frühe Diagnose so wichtig. Diese sollte jedoch mit Bedacht ausgesprochen werden, denn sie kann die Heranwachsenden belasten und zu Angst, Stigmatisierung und Isolation führen.

Die Abklärung beginnt mit Anamnese und altersgerechter klinischer Untersuchung unter Berücksichtung der sexuellen Anamnese und Respekt von Schamgrenzen und Belastbarkeit. Eine vaginale Untersuchung passt nicht für jede Patientin. Abdominaler Ultraschall, rektale Untersuchung oder MRT bieten Alternativen.

Bildgebung statt früher Laparoskopie

Der Ultraschall nimmt eine zentrale Rolle ein. Er ist verfügbar, kostengünstig, wiederholbar und in erfahrenen Händen aussagekräftig. Bei Verdacht auf Endometriose hilft ein systematisches Vorgehen nach dem IDEA (International Deep Endometriosis Analysis)-Konsensus.3 Die Untersuchung erfasst zunächst das vordere Kompartiment mit Blase, Ureteren und Nachbarstrukturen. Danach folgen Fornices, uterosakrale Ligamente und Rektum sowie Rektosigmoid im hinteren Kompartiment. Diese Systematik erhöht die Chance, tiefe Endometriose, Adhäsionen und organbezogene Läsionen zu erkennen.

Auch bei der Adenomyose liefert der Ultraschall oft bessere Hinweise als beispielsweise MRT. Die MUSA-Kriterien unterscheiden direkte und indirekte Zeichen.4 Myometriale Zysten, hyperechogene Inseln sowie echogene subendometriale Linien oder Knospen sprechen als direkte Merkmale stark für die Diagnose.

Internationale Leitlinien stützen diesen Ansatz. ESHRE 2022, NICE 2024, ACOG 2026 sowie Empfehlungen der Gesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz raten nicht zur diagnostischen Laparoskopie als ersten Schritt. An erster Stelle stehen klinische Untersuchung, ein persönliches Gespräch und Bildgebung (US/MRT). Biomarker werden in der Routinediagnostik nicht empfohlen.

Therapie früh starten, Folgen begrenzen

Sobald Anamnese, Symptome und Bildgebung den Verdacht stützen, sollte mit einer sofortigen empirischen Therapie begonnen werden. Die Leitmaxime lautet: «Detect it early and treat it straight away.» Die Therapie soll Dysmenorrhoe, starke Menstruationsblutungen und chronische Abdominalschmerzen reduzieren, lokale Entzündung kontrollieren, die Lebensqualität stabilisieren sowie Uterus, Ovarien schützen und dazu beitragen, die Fertilität zu erhalten.

Der erste Schritt der medizinischen Behandlung umfasst NSAR, Paracetamol und krampflösende Medikamente, etwa Magnesiumpräparate oder Butylscopolamin. Wenn diese Massnahmen nicht genügen, folgt meist eine hormonelle Erstlinientherapie. Kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) eignen sich besonders, weil sie Schmerzen reduzieren und zugleich die Verhütung sichern. Die Gabe ist zyklisch oder im Langzeitzyklus möglich. Letzterer ist aber bei den meisten Präparaten off-label.

Langfristige Auswirkungen

«Die zentrale Sensibilisierung ist ein grosses Problem bei Patientinnen, die schon früh unter Dysmenorrhoe leiden», betonte Dr. Marti. Schmerzen können chronifizieren und ein schwer behandelbares Schmerzsyndrom auslösen.5 Wiederholte Entzündungsprozesse begünstigen Fibrose, Adhäsionen und Funktionsstörungen von Darm und Harntrakt. Bei Adenomyose verändert sich zusätzlich die Uterusmuskulatur mit daraus resultierender Dysfunktion. Auch Psyche und Alltag leiden. Betroffene zeigen häufiger depressive Symptome, Angststörungen, Fatigue, Schlafstörungen und sexuelle Dysfunktion. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität sinkt. Dies wiederum beeinflusst Schule, Studium, Ausbildung und Arbeit.

Dienogest (2 mg) gilt als Erstlinientherapie für erwachsene Patientinnen. Bei Jugendlichen verlangt es eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung, da es die Knochenmineraldichte beeinflussen kann. Auch das levonorgestrelfreisetzende Intrauterinsystem (52 mg) ist eine Option.

Die Laparoskopie kommt als Zweitlinientherapie bei anhaltenden Beschwerden infrage. Allerdings sollte es im Zuge der explorativen Laparoskopie innerhalb derselben Sitzung möglich sein, auch gleichzeitig die Endometrioseläsionen zu exzidieren. Für das Rezidivrisiko bei sehr jungen Patientinnen fehlen verlässliche Daten. Wie bei Erwachsenen braucht es nach der Exzision meist eine hormonelle Langzeitstrategie. Physiotherapie, Psychotherapie, Ernährungsberatung und psychosoziale Unterstützung ergänzen die Behandlung.

Reproduktive Perspektive früh ansprechen

Endometriose und Adenomyose erhöhen das Risiko für Subfertilität oder Infertilität. Die ovarielle Reserve kann reduziert sein. Manche Patientinnen benötigen später assistierte Reproduktion, Insemination oder IVF. Tritt eine Schwangerschaft ein, steigen Risiken für abnorme Plazentation, hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, postpartale Blutungen und Sectio. Adenomyose kann zusätzlich die Implantation stören und die Fertilität reduzieren. Langfristig brauchen viele Patientinnen hormonelle Therapien. Bei schwerer Adenomyose bleibt die Hysterektomie manchmal der letzte Ausweg.

Für die Praxis bedeutet das, Warnsignale wie starke Regelschmerzen und häufige Schulabsenzen immer ernst zu nehmen. Fortschrittliche Ultraschalldiagnostik ist entscheidend für die Früherkennung. Ein unauffälliger Befund bedeutet nicht, dass keine Endometriose vorliegt, sondern nur dass sie möglicherweise nicht sehr ausgeprägt ist oder man sie noch nicht gefunden hat.