Medical Tribune
18. Sept. 2026Schlechte Esser

Picky Eating und selektives Essverhalten bei Kindern

Viele Kleinkinder sind «wählerische Esser». Das ist zunächst Teil der normalen menschlichen Entwicklung, wie PD Dr. Margarete Bolten, Luzerner Psychiatrie, erläutert. Problematisch wird es jedoch, wenn die Nahrungsmittelauswahl immer kleiner wird und rund um die Mahlzeiten viel Druck entsteht. Die Expertin beschreibt Wege aus dem Teufelskreis.

Kleinkind betrachtet eine Erbsenschote.
Laura/stock.adobe.com

«Essen ist für uns Menschen von Anfang an mehr als Nährstoffaufnahme», stellt PD Dr. Bolten klar. Schon die ersten Erfahrungen mit Nahrung verbinden körperliche Regulation mit Wohlbefinden.

Warum wir so essen, wie wir essen

Bereits im Uterus übt das Kind, zu essen. Von Beginn an lernt das Neugeborene: Trinken beendet ein unangenehmes Gefühl; Sättigung fühlt sich gut an. Was wir essen und wie viel davon, wird also unmittelbar von Hunger und Sättigung gesteuert – und durch unsere schlichte Vorliebe für das Angenehme. «Wenn wir etwas Süsses essen, das gefällt uns allen», so die Expertin.

Mit zunehmendem Alter kommt immer mehr Erfahrung hinzu: «Je jünger das Kind ist, desto stärker dominieren biologische Faktoren – mit zunehmendem Alter gewinnen Lernprozesse, Erziehung, Vorbilder und soziale Einflüsse an Gewicht.»

Im zweiten Lebensjahr kommt eine Phase, die wohl fast alle Eltern kennen: Das Kind, das gestern noch fröhlich alles probiert hat, betrachtet plötzlich Gemüse, Sauce oder eine neue Konsistenz, als hätte man etwas Verdächtiges auf seinen Teller gelegt.

Dieses wählerische Essverhalten – das sogenannte «Picky Eating» – ist zunächst kein Systemfehler, sondern ein ausgesprochen entwicklungsnormales Schutzverhalten, stellt die Referentin klar. Denn evolutionsbiologisch sei diese Skepsis ausgesprochen sinnvoll: Die Phase beginnt ungefähr zu jenem Zeitpunkt, an dem Kinder immer mobiler werden. Sie entfernen sich von ihren Bezugspersonen, krabbeln, erkunden die Umwelt und können plötzlich alles erreichen und in den Mund stecken. Ein Kleinkind, das anstandslos alles isst, hätte in einer natürlichen Umwelt einen erheblichen Nachteil. In bestimmten Altersphasen zeigen bis zu 60 % der Kinder selektives Essverhalten.

Wann Picky Eating zur Essstörung wird

Der entscheidende Punkt ist, wie sich die Ablehnung mit der Zeit entwickelt. Entwicklungsnormales Picky Eating sollte mit wiederholtem Kontakt mit Lebensmitteln abnehmen. Kinder müssen dabei ein Nahrungsmittel deutlich häufiger sehen, riechen oder schmecken, als Erwachsene das erwarten. Aus PD Dr. Boltens klinischer Erfahrung brauche es oft bis zu 50 Expositionen. Wenn ein Kind Karotten nach dem dritten Versuch immer noch nicht mag, sagt das also noch erstaunlich wenig aus.

Bleibt die ausgeprägte Ablehnung vieler Lebensmittel jedoch über lange Zeit erhalten, kann mehr dahinterstecken als entwicklungsnormales Picky Eating. Bei einer Nahrungsmittel-Neophobie besteht ein ausgeprägter Widerwille gegenüber unvertrauten Lebensmitteln. Davon abzugrenzen ist die vermeidend-restriktive Nahrungsmittelaufnahmestörung (Avoidant Restrictive Food Intake Disorder, kurz ARFID), die in der ICD-11 als psychiatrische Diagnose geführt wird.

Gerade der selektive ARFID-Typ erinnert dabei oberflächlich an besonders ausgeprägtes Picky Eating. Betroffene Kinder reagieren aussergewöhnlich sensibel auf Texturen, Gerüche, Geschmack und Aussehen von Lebensmitteln und beschränken ihre Auswahl häufig auf wenige «sichere» Speisen. Besonders häufig tritt dieses Muster bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen auf, es kommt aber auch unabhängig davon vor. Typisch ist laut PD Dr. Bolten die «beige Diät» aus «Pasta ohne alles, Milch und Weissbrot.» Meiden Kinder ganze Lebensmittelgruppen, kann sich daraus eine unzureichende Nährstoffversorgung entwickeln.

«Jedes Symptom braucht Pflege, damit es wachsen kann»

Das ist auch ein Mitgrund, warum Eltern in Sorge geraten, wenn ihre Sprösslinge Essen verweigern. Aus der Sorge um die kindliche Entwicklung entsteht dann oft ein dysfunktionales Fütterungsverhalten, das den Konflikt unbeabsichtigt verschärft. «Eltern laufen dann manchmal mit dem Löffel hinter dem Kind her, lenken es beim Essen ab, überreden oder belohnen es – oder üben zunehmend Druck aus.» Besonders wirksam ist auch ein anderer Lernmechanismus: Wenn das Kind die Familienmahlzeit ablehnt, und im Anschluss stattdessen wieder ein Milchschoppen oder Joghurt angeboten bekommt. «Dann lernt es daraus: Ich muss ja gar nicht essen, was hier auf dem Tisch steht.» Das kann in einer Negativspirale enden: Das Kind verweigert sich noch mehr, die Eltern werden besorgter, die Auswahl wird kleiner und der Druck steigt.

Das erklärt auch, weshalb hochselektives Essen nicht nur mit Untergewicht verbunden sein kann. Wenn Familien die Auswahl zunehmend auf Lebensmittel beschränken, die zuverlässig akzeptiert werden, bleiben häufig nur energiereiche «Safe Foods» übrig, so die Expertin. Gleichzeitig können Druck und Konflikte dazu führen, dass Kinder Hunger und Sättigung immer weniger selbst regulieren. So kann sich eine einseitige, hochkalorische Ernährung entwickeln, die Übergewicht und Adipositas begünstigt.

Der Entwicklungspfad kann aber auch in die andere Richtung führen: Nehmen Kinder über lange Zeit nur sehr geringe Mengen zu sich, kann das die Hunger- und Sättigungsregulation verändern und frühkindliche Fütterstörungen oder später anorektisches Essverhalten begünstigen.

Wann sollten also die Alarmglocken schrillen? Nicht unbedingt ab einem bestimmten Alter, so PD Dr. Bolten. Problematisch sei eher die Anzahl der gegessenen Lebensmittel. «Ernährt sich ein Kleinkind praktisch nur von Milch und weissem Toastbrot, ist das klar problematisch.» Isst es dagegen fünf oder sechs verschiedene Lebensmittel aus unterschiedlichen Gruppen, sehe die Sache deutlich anders aus. Hinzu kommen Wachstum, klinischer Eindruck, gegebenenfalls Laborwerte – und schliesslich auch die Belastung der Eltern. Sind Mahlzeiten dauerhaft von Angst, Druck und Konflikten geprägt, sei bereits das ein wichtiges Signal, so die Expertin.

Essen nicht müssen, aber kennenlernen dürfen

Bei hochselektivem Essverhalten kommt die Exposition zum Einsatz, wie man sie auch aus der Behandlung von Angststörungen kennt. «Der Gedanke dahinter: Wir mögen, was wir kennen», so PD Dr. Bolten.

Ziel ist es, das Kind mit unterschiedlichen Lebensmitteln nach und nach vertraut werden zu lassen. Dabei beginnt man damit, das Kind die Nahrung ansehen zu lassen, danach kommen Anfassen, Dranriechen, mit dem Mund Berühren, Ablecken, in den Mund Nehmen und wieder Ausspucken und später das Kauen und Schlucken. Und irgendwann vielleicht tatsächlich das Geniessen. «Das braucht allerdings viele Wiederholungen. Hochselektives Essverhalten verschwindet jedenfalls nicht in kürzester Zeit.»

Eltern können mit einer verlässlichen Essstruktur unterstützen: Mit festen Mahlzeiten und Snackzeiten und weniger ständigem Zwischendurchessen. Neue Lebensmittel sollten zudem wiederholt angeboten werden, ohne jedes Mal eine Prüfung daraus zu machen. «Sie bieten an, was sie für richtig halten. Und das Kind darf auswählen aus dem, was angeboten wird.»

Zum Nachlesen

Bolten, M., Odenheimer, S. & Légeret, C. (2024). Funktionelle Störungen der Nahrungsaufnahme im Kindes- und Jugendalter – Ein Praxismanual. Berlin, Heidelberg: Springer Medizin.