Medical Tribune
20. Okt. 2026Wenn Kinder Knopfbatterien, Magnete und Co. verschlucken

Vorgehen bei der Ingestion von Fremdkörpern

Das Verschlucken von Fremdkörpern ist ein häufiger pädiatrischer Notfall, der rasches Handeln erfordert. Wichtig ist, Hochrisiko-Objekte zu kennen, mögliche Komplikationen im Hinterkopf zu behalten und – bei Bedarf – rechtzeitig auch andere Fachrichtungen ins Boot zu holen.

close up coin battery in the child's hands danger of swallowing
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Von Fremdkörperingestionen sind vor allem Kleinkinder betroffen, da diese gerne alles, was sie in die Hände bekommen, mit dem Mund explorieren, erklärte Prof. Dr. Raoul Furlano, Leiter der Gastroenterologie am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB), am Kongress von Pädiatrie Schweiz.

Dass die Inzidenz stetig zunimmt, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass immer mehr elektronisches Spielzeug und Kleingeräte im Umlauf sind. Erst kürzlich sei ein Kind im Schockraum verblutet, das eine Knopfbatterie unbemerkt daheim verschluckt hatte, so der Referent. Umso wichtiger ist schnelles und richtiges Handeln.

Was ist nun konkret zu tun, wenn ein Kind einen Gegenstand verschluckt hat? Für die Triage sind folgende Fragen ausschlaggebend:

  • Wie alt ist das Kind?
  • Was hat das Kind genau verschluckt (Fremdkörpertyp, Form, Material und Grösse)? Tipp: Fordern Sie die Eltern auf, einen «Zwillings-Fremdkörper» mitzubringen, um die Endoskopie zu erleichtern
  • Wann wurde der Fremdkörper verschluckt?
  • Wo ist der Fremdkörper lokalisiert?
  • Wann war die letzte Mahlzeit?
  • Sind gastrointestinale Vorerkrankungen oder anatomische Besonderheiten bekannt?

Symptome können auf die Lokalisation hinweisen

Die Lokalisation des Fremdkörpers lässt sich häufig mithilfe einer Röntgenaufnahme bestimmen. Aber schon die klinischen Symptome lassen Rückschlüsse zu, wo sich der Fremdkörper gerade befindet: Speicheln, Würgen und Schluckunfähigkeit deuten auf einen Fremdkörper im Oro- bzw. Hypopharynx hin. Dysphagie, Odynophagie und Sialorrhö lassen an eine Lokalisation im oberen Ösophagus denken. Zu einem Fremdkörper im mittleren Ösophagus passen Thoraxschmerzen, Husten und Erbrechen. Bei Lokalisation in der unteren Speiseröhre hingegen ist eher eine milde Symptomatik zu erwarten. Fehlen Symptome vollständig, kann dies darauf hinweisen, dass der Fremdkörper bereits im Magen bzw. postpylorisch liegt.

Besonders wichtig ist die Erkennung von Warnzeichen, die auf Komplikationen hinweisen: Schwellungen und Crepitus (Hautemphysem) im Halsbereich sind als absolute Notfallzeichen zu werten und können auf eine Ösophagusperforation hindeuten. Ähnliches gilt für einen Peritonismus, der auf eine Perforation weiter distal im Gastrointestinaltrakt hinweist. Auch Atemnot, inspiratorischer Stridor, pfeifende Atemgeräusche, (Blut)-Erbrechen und Blut im Stuhl sind Alarmsignale

«Auch ein asymptomatisches Kind kann einen Fremdkörper in der Speiseröhre haben», warnte Prof. Furlano. Ein Fremdkörper im Ösophagus – unabhängig von der Symptomatik – bedarf einer dringenden endoskopischen Entfernung innerhalb von längstens 24 Stunden; wenn es sich um eine Knopfbatterie, Magnete oder einen spitzen Gegenstand handelt, sogar innerhalb von zwei Stunden. «Natürlich würde man ein Kind mit Schmerzen nicht 24 Stunden warten lassen», ergänzte der Experte.

Knopfbatterien und Magnete potenziell tödlich

Wenn es sich bei dem Fremdkörper um eine Knopfbatterie handelt, ist also Feuer am Dach. Trotz «Button Battery Awareness»-Kampagnen sei diese Gefahr immer noch nicht allseits bekannt, merkte Prof. Furlano kritisch an.

Im Fall eines beobachteten oder vermuteten Verschluckens einer Knopfbatterie ist jedenfalls sofort medizinische Hilfe aufzusuchen. Das Kind soll nicht mehr essen und trinken. Um die Gefahr einer elektro-chemischen Reaktion im feuchten Körpermilieu und damit Verätzungen und Perforationen zu vermeiden, können die Eltern dem Kind auf dem Weg ins Spital maximal 6 mal 10 ml Honig (je 2 Teelöffel) verabreichen, um eine Schutzschicht um die Knopfbatterie zu erzeugen. Das weitere Vorgehen hängt vor allem vom Zeitpunkt des Verschluckens, der Lokalisation und dem Alter des Kindes ab.

Mittlerweile sind Knopfbatterien auf dem Markt, die durch eine Titanbeschichtung einen Verätzungsschutz bieten und zusätzlich eine kreisförmige Blaufärbung an der Mundschleimhaut verursachen, sodass die Eltern ein mögliches Verschlucken der Batterie rascher erkennen können.

Verschluckte Magnete können sich ebenfalls fatal auswirken. Vor allem dann, wenn Kinder mehrere davon verschlucken. Sie finden im Körper durch alle Schichten hindurch zueinander, heften Darmteile aneinander und können zu massiven Nekrosen, im schlimmsten Fall zum Tod führen. Zunächst zeigen die betroffenen Kinder keine Symptome, obwohl die Darmverletzungen bereits in einem katastrophalen Ausmass fortschreiten. Mithilfe von Röntgenaufnahmen in unterschiedlichen Ebenen können Anzahl und Position der Magnete eruiert werden. Je nach Befund besteht dringender endoskopischer oder chirurgischer Handlungsbedarf.

Bei Bolusimpaktion Biopsie durchführen

Wenn Nahrungsmittel in der Speiseröhre stecken bleiben, spricht man von Bolusimpaktion. Der Heimlich-Griff ist immer noch einen Versuch wert, auch wenn er kontrovers diskutiert wird, so Prof. Furlano. Keinesfalls sollte jedoch versucht werden, den Bolus mit dem eigenen Finger zu lösen, warnte der Experte. Die endoskopische Entfernung des Nahrungsbolus ist die Methode der Wahl. Dabei sollten auch gleich Biopsien ober- und unterhalb des Fremdkörpers durchgeführt werden, dahinter einer Bolusimpaktion bei einem ansonsten gesunden Kind häufig eine eosinophile Ösophagitis stehen kann.

Zum Schluss machte Prof. Furlano noch auf das kürzlich publizierte Positionspapier zum Thema Fremdkörperingestion der European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) aufmerksam, an dem er selbst mitgearbeitet hat.1 Es enthält praxisnahe Algorithmen, für unterschiedliche Situationen – etwa bei verschluckten Fremdkörpern im Ösophagus, im Magen oder postpylorisch. Algorithmen sind jedoch kein Ersatz für klinische Urteilsfähigkeit. Entscheidend bleiben eine strukturierte Triage, das Erkennen von Hochrisiko-Objekten und Warnzeichen sowie der gesunde Menschenverstand, um in jeder Situation rasch und richtig zu handeln.

1. Ledder O et al. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2026 Jul 1. doi: 10.1002/jpn3.70485.

Jahreskongress Pädiatrie Schweiz 2026, Lausanne