Medical Tribune
10. Sept. 2026Was 3000 Frauen dem Isala-Projekt über vaginale Gesundheit beigebracht haben

Forschung zum vaginalen Mikrobiom

Seit vier Jahrzehnten hat sich in der Behandlung von Vaginal- und Blaseninfektionen kaum etwas bewegt – während Rezidive zunehmen und antimikrobielle Resistenzen drohen. Am SGGG-Kongress in St. Gallen zeigte Dr. Vanessa Croatti, Universität Antwerpen, wie ein Citizen-Science-Projekt mit über 3000 Frauen diesen Stillstand in ein neues, funktionelles Verständnis des weiblichen Mikrobioms überführt.

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© Dr. Chantal Schlatter
Dr. Vanessa Croatti, Department of Bioscience Engineering, Universität Antwerpen, Belgien, spricht über die Ergebnisse des Isala-Projekts

Seit über 40 Jahren gibt es in der Behandlung von Vaginal- und Blaseninfektionen keine echten Durchbrüche, obwohl Prävalenz und Rezidivraten weiter steigen.

Die Diagnostik stützt sich nach wie vor auf Symptome und Mikroskopie, die Therapie fast ausschliesslich auf Antibiotika und Antimykotika – Substanzen, die einen Erreger treffen, das umgebende Ökosystem aber ausser Acht lassen. Und sie haben ihren Preis. Für Antibiotika ist bei bakterieller Vaginose keine gesicherte Senkung von Spätaborten oder spontanen sehr frühen Frühgeburten belegt. Clindamycin schädigt protektive Spezies wie L. crispatus, und systemisches Fluconazol in der Schwangerschaft wurde mit Spontanaborten in Verbindung gebracht und dezimiert zugleich die Laktobazillen. Vor allem aber dürften antimikrobielle Resistenzen bis 2050 zu einer der häufigsten Todesursachen werden. «Ein bestimmtes Pathogen zu bekämpfen, stellt nicht automatisch das mikrobielle Gleichgewicht wieder her», hielt Croatti fest.

Bewusste Citizen Science

Die klinikbasierte Forschung habe einen blinden Fleck, argumentierte Croatti: Sie bilde symptomatische Patientinnen ab. Um zu klären, wie das Mikrobiom in der Allgemeinbevölkerung aussieht und welche Lebensstilfaktoren es prägen, setzte ihre Gruppe unter der Leitung von Prof. Sarah Lebeer auf «bewusste» Citizen Science: Frauen werden als aktiv Mitwirkende verstanden, nicht als blosse Probenlieferantinnen.

Gestartet im März 2020 mit einem Aufruf für 200 Freiwillige, gewann Isala stattdessen über 3.000 Teilnehmerinnen. Sie entnahmen zu Hause selbst Proben entnahmen und füllten einen ausführlichen Lebensstilfragebogen aus (1). Entstanden ist einer der bislang grössten bevölkerungsbezogenen Datensätze und eine der grössten Biobanken vaginaler Bakterien.

Ein komplexes, dynamisches Ökosystem

Die Daten bestätigten, dass Laktobazillen – vor allem L. crispatus und L. iners – bei rund 80 % der gesunden Frauen dominieren. Sie brachten aber auch weniger Erwartetes zutage. Das Mikrobiom verhält sich wie ein Verbund interagierender Gemeinschaften oder Bakteriencluster, in denen Taxa wie L. crispatus, L. jensenii und Limosilactobacillus koexistieren und kooperieren. Es ist weit komplexer und dynamischer, als es ein Modell mit einer einzelnen dominanten Spezies nahelegt.

Da Assoziation nicht Kausalität bedeutet – ein Vorbehalt, den sie mehrfach betonte –, generieren diese Daten vor allem Hypothesen, die in Interventionsstudien geprüft werden müssen (2). Deutliche Signale zeigten sich für Hormonstatus und reproduktive Vorgeschichte (der L.-crispatus-Cluster war negativ mit Stillen und positiv mit höheren Östrogenspiegeln assoziiert), sexuelle Aktivität, Menstruationshygiene und Ernährung. Isala verfolgte zudem die mikrobielle Übertragung zwischen Menschen – vertikal von der Mutter auf die Tochter und horizontal innerhalb von Haushalten, mit gemeinsam getragenen Stämmen bei etwa der Hälfte der untersuchten Paare.

Häufigkeit ist nicht Gesundheit

Der überraschendste Befund stammt von der rezidivierenden vulvovaginalen Candidose: Selbst bei infizierten Frauen blieben die Laktobazillen dominant. «Die Dominanz der Laktobazillen ist selbst in einem ‹ungesunden› Mikrobiom robust», sagte Croatti. «Entscheidend für den Ausgang der Infektion ist ihre Funktionalität, zusammen mit Wirtsfaktoren.» Mit anderen Worten: «häufig» heisst nicht «gesund». Ein Mikrobiom kann «laktobazillendominiert» und trotzdem «krank» bzw. funktionell gestört sein.

Diese Erkenntnis treibt den translationalen Motor des Projekts an. Mithilfe ihrer Biobank charakterisiert die Antwerpener Gruppe Stämme funktionell – sie screent Genome auf Sicherheits- und antimikrobielle Merkmale und prüft die Aktivität gegen Erreger wie Candida –, um lebende therapeutische Bakterienpräparate (Live Biotherapeutic Products) der nächsten Generation zu entwickeln (3). Der Ansatz ist über die Isala-«Sisterhood» global geworden, die inzwischen rund 14 Schwesterprojekte weltweit umfasst. Croattis Fazit fiel pragmatisch aus. Die Diagnostik muss lernen, das Ökosystem zu lesen und nicht nur den Abstrich. Probiotika erreichen die Vagina zudem am besten bei lokaler Anwendung. Die vielversprechendsten Strategien werden Ansätze kombinieren, statt auf ein einzelnes Pathogen zu zielen.

Lunch-Symposium «Gynecology from inside out: how the microbiome shapes women’s health», organisiert von der Medinova AG am Jahreskongress 2026 der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), St. Gallen.