ADHS als Risikomarker bei erwachsenen Patienten mit Hypertonie
Wie gefährlich ist die Kombination aus ADHS und Hypertonie für Herz und Gefässe? Und beeinflusst eine medikamentöse ADHS-Therapie das Risiko zusätzlich? Diesen Fragen ging ein internationales Forscherteam in einer grossen populationsbasierten Kohortenstudie nach.

Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) weisen häufiger kardiometabolische Risikofaktoren und Begleiterkrankungen auf. Gleichzeitig können ADHS-Medikamente Blutdruck und Herzfrequenz steigern.
Bislang war aber unklar, ob ADHS bei bereits bestehender Hypertonie das kardiovaskuläre Risiko zusätzlich erhöht. Unklar war auch, wie sicher eine medikamentöse ADHS-Therapie bei diesen Patienten ist.
MACE-Rate um ein Drittel höher
Ein internationales Forscherteam um Yiling Zhou von der Universität Groningen in den Niederlanden untersuchte das in einer retrospektiven populationsbasierten Kohortenstudie. Erfasst wurden Patienten im Alter von 18 bis 90 Jahren, die erstmals eine antihypertensive Therapie begonnen hatten. Die Forscher wollten wissen, wie sich ADHS auf das kardiovaskuläre Risiko auswirkt und welche Rolle die ADHS-Medikation dabei spielt. Von den über 5,8 Millionen eingeschlossenen Teilnehmern hatten 1,9 % eine ADHS-Diagnose. Die primären Endpunkte waren schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE), definiert als Myokardinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulärer Tod, sowie die Gesamtmortalität.
Insgesamt traten 254.564 MACE auf, 199.992 Personen verstarben. In der ADHS-Gruppe kam es zu 3.547 MACE und 3.195 Todesfällen. Nach Adjustierung für Alter, Geschlecht und das Kalenderjahr des Beginns der antihypertensiven Therapie war ADHS mit einer um 31 Prozent höheren MACE-Rate assoziiert. Die Hazard Ratio (HR) lag bei 1,31. Besonders deutlich war der Zusammenhang mit der Gesamtmortalität. Hier lag die HR bei 2,83.
ADHS als Marker für vulnerable Patientengruppe
Nach zusätzlicher Berücksichtigung psychiatrischer Begleiterkrankungen sowie psychotroper und kardiometabolischer Medikation schwächten sich die Zusammenhänge auf eine HR von 1,15 für MACE und eine HR von 1,93 für die Gesamtmortalität ab. Daran änderte sich kaum etwas nach zusätzlicher Berücksichtigung der antihypertensiven Behandlung im Verlauf (HR 1,13 bzw. 1,86). Dies spricht dafür, dass insbesondere die mit ADHS häufig einhergehende psychiatrische und kardiometabolische Komorbidität einen wesentlichen Anteil des erhöhten Risikos erklären könnte.
Von besonderer klinischer Bedeutung war die Analyse der ADHS-Medikation. Bei Patienten mit ADHS war deren Einnahme weder mit einem erhöhten MACE-Risiko (HR 1,00) noch mit einer erhöhten Gesamtmortalität (HR 0,96) verbunden. Die Ergebnisse liefern damit eine gewisse Sicherheit hinsichtlich der kardiovaskulären Anwendung von ADHS-Medikamenten bei gleichzeitig behandelter Hypertonie. Allerdings bestanden Unterschiede zwischen den Ländern, und die Untersuchung erlaubte keine zuverlässigen Aussagen zu einzelnen Wirkstoffen.
Die Autoren interpretieren ADHS bei Erwachsenen mit Hypertonie weniger als isolierten kausalen Risikofaktor, sondern vielmehr als Marker einer klinisch besonders vulnerablen Patientengruppe. Gerade ADHS-typische Schwierigkeiten bei Planung, Organisation und Selbstmanagement könnten die kontinuierliche Versorgung einer chronischen Erkrankung wie Hypertonie erschweren. Neben konsequenter Blutdruckkontrolle und allgemeiner kardiovaskulärer Prävention sind daher strukturierte Behandlungsschemata, Unterstützung der Therapieadhärenz sowie die Erkennung und Behandlung psychiatrischer, metabolischer und verhaltensbezogener Risikofaktoren durch den Hausarzt besonders relevant.
Zhou Y et al. Major adverse cardiovascular events and mortality associated with ADHD and its treatment in adults with hypertension: a retrospective, multinational cohort study. Lancet Prim Care. 2026 Aug 20. doi: 10.1016/ j.lanprc.2026.100189.
