Kinder mit Schlafstörungen unterstützen
Kinder und Jugendliche mit Schlafstörungen bekommen nicht nur die unmittelbaren Folgen des Schlafmangels zu spüren, sie haben auch ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen. Umso wichtiger ist es, in der kinderärztlichen Versorgung Augen und Ohren für dieses Thema offen zu halten.
Schlafstörungen im Kindesalter betreffen nicht nur die Nacht, sondern erstrecken sich über 24 Stunden des Tages, betonte Prof. Dr. Silvia Miano, Klinikleiterin am Ente Ospedaliero Cantonale in Lugano. Sie gehen mit verhaltensneurologischen Problemen, Lernschwierigkeiten, Wachstumsstörungen und metabolischen Erkrankungen einher. Somit haben sie Auswirkungen sowohl auf psychischer als auch auf physischer Ebene.
Neue Technologien (v. a. Handys und Social Media) haben das Schlafverhalten grundlegend verändert und sind verantwortlich für die massive Schlafdeprivation bei Kindern und Jugendlichen. Damit geht eine reduzierte Entwicklung des präfrontalen Cortex einher, die eng mit Störungen der exekutiven Funktionen assoziiert ist. Beeinträchtigung der Entscheidungsfindung, verminderte Aufmerksamkeit, Craving, zu wenig Bewegung, vermehrter Konsum von ungesunden Nahrungsmitteln, Glukose-Dysregulation und Übergewicht sind die weitreichenden Folgen.
Auch bei der kindlichen obstruktiven Schlafapnoe (OSA) kommt es aufgrund von gehäuftem Aufwachen und «arousal» zu einer Schlafdeprivation, die gemeinsam mit der chronischen intermittierenden Hypoxie die Entwicklung des Hippocampus und des präfrontalen Cortex beeinträchtigt. Jahre später entwickeln die betroffenen Kinder ADHS. Ganz ähnliche pathogenetische Mechanismen stecken hinter PLM (Periodic Limb Movements), einer Schlafstörung, die z. B. durch einen frühen Eisenmangel induziert werden kann.
Kinder sind eher hyperaktiv als schläfrig
Angesichts der Tatsache, dass sich Schlafstörungen negativ auf die Entwicklung des Gehirns auswirken, ist die Diagnose und Behandlung von Schlafstörungen im Kindesalter entscheidend. Was können Ärztinnen und Ärzte also tun? Die Antwort ist relativ einfach: «Fragen Sie nach Ein- und Durchschlafproblemen der Kinder», riet die Kinder-Psychiaterin, die dem Zentrum für Schlafstörungen und Epilepsie der Südschweiz vorsteht. Wenn Schlafstörungen mehr als zwei- bis dreimal pro Woche auftreten und das Problem seit mehr als drei Monaten besteht, liegt definitionsgemäss eine Insomnie vor.
Die genaue Anamnese (s. Kasten) ist der wichtigste Schritt zur Diagnose. Tagesmüdigkeit, Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und Verhaltensprobleme sind typische Anzeichen für eine Schlafstörung im Kindesalter. Allerdings dürfe das Fehlen von Tagesmüdigkeit nicht fehlinterpretiert werden, gab Prof. Miano zu bedenken. «Denn Kinder reagieren auf Schlafmangel eher mit Hyperaktivität», so die Expertin. Wenn ein Kind extrem schläfrig ist, sei von einer schweren Schlafstörung – etwa einer Narkolepsie – auszugehen.
Hyperarousal und -alertness bei primärer Insomnie
Die primäre Insomie zählt zu den häufigsten Schlafstörungen im Kindesalter. Sie betrifft 30 % der Kinder im ersten Lebensjahr und 15–20 % der Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren. «Die primäre Insomnie geht mit Hyperarousal und Hyperalertness einher. Wenn Sie dieses Problem nicht von Anfang an ernstnehmen, hat das schwerwiegende Folgen», warnte Prof. Miano und verwies auf das erhöhte Risiko für psychiatrische Erkrankungen in der Adoleszenz und im Erwachsenenalter. Aber auch die Eltern leiden langfristig unter den Folgen der kindlichen Insomnie: Sie können selbst chronische Schlafstörungen und in weiterer Folge psychiatrische Komorbiditäten entwickeln.
Bei Kindern zwischen einem und drei Jahren handelt es sich zumeist um eine verhaltensbedingte Insomnie. Das heisst, die Sprösslinge können nicht einschlafen, wenn sie zum Beispiel nicht gestillt oder herumgetragen werden (sleep-onset association Typ). In diesem Alter kann aber auch inkonsequentes Erziehungsverhalten der Eltern zu Schlafstörungen führen (limit setting Typ).
Auch Störungen des zirkadianen Rhythmus sind im Kindesalter häufig. Betroffen sind vor allem Kinder mit neurologischen Entwicklungsstörungen, aber auch ansonsten gesunde Jugendliche: Sie können oft bis 2 oder 3 Uhr morgens nicht einschlafen und haben grosse Schwierigkeiten, in der Früh aufzustehen.
Andere Schlafstörungen wie das Restless-Legs-Syndrom (RLS) oder die obstruktive Schlafapnoe (OSA) kommen vergleichsweise seltener vor. Die wichtigsten Risikofaktoren für eine OSA sind vergrösserte Rachen- und Gaumenmandeln, anatomische Kiefer- oder Gesichtsfehlstellungen sowie Adipositas. Klinische Hinweise auf Adenoide und das mögliche Vorliegen einer OSA liefern die auffallende Mundatmung, die näselnde Sprache und lautes Schnarchen.
Prof. Miano ging auch noch auf Kinder mit häufigen Alpträumen (> 1 pro Woche) ein: Auch sie haben ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen, insbesondere bipolare Störungen und in weiterer Folge erhöhte Suizidalität.
Verhaltenstherapie als First-Line-Behandlung
Für die medikamentöse Therapie bei kindlichen Schlafstörungen wurden bislang vor allem Antihistaminika (Niaprazin, Diphenhydramin, Prometazin, Hydroxizin) verschrieben. Sie überwinden die Blut-Hirn-Schranke, binden an Histamin-Rezeptoren im ZNS und entfalten so ihren sedierenden Effekt. Zu bedenken sind die Nebenwirkungen, darunter Krampfanfälle, Schwindel und paradoxe Reaktionen.
Anamnese bei Verdacht auf kindliche Schlafstörung
- Schlafengehzeit und Zeit des Aufstehens
- Schlafumgebung (eigenes Bett, Bett der Eltern)
- (Unangenehmes) Gefühl in den Beinen, starke Beinbewegungen (restless sleep)
- Schnarchen, Atemaussetzer
- Ungewöhnliche nächtliche Ereignisse wie Schlafwandeln, Verwirrung
- Tagesmüdigkeit, Stimmungsschwankungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Verhaltensprobleme
- Alkohol, Koffein, Medikamente (bei Jugendlichen)
Zunehmend kommen ab einem Alter von zwei Jahren auch Melatonin-Präparate zum Einsatz. «Ich persönlich würde Kindern zwischen einem und drei Jahren kein Melatonin verschreiben», betonte Prof. Miani. Ausgenommen seien Kinder mit Autismus oder anderen neurologischen Entwicklungsstörungen, bei denen der abendliche Anstieg des Schlafhormons häufig fehlt.
Noch bevor Medikamente zum Einsatz kommen, stehen jedoch verhaltenstherapeutische Massnahmen auf dem Programm. Die Wirksamkeit ist gut, so die Expertin, aber die Compliance lässt oft zu wünschen übrig.
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