Medical Tribune
27. Aug. 2026Mehr als nur ein Begleitsymptom

Erbrechen lindert Schmerzen bei jedem zweiten Migräne-Patienten

Erbrechen gilt als eines der belastendsten Begleitsymptome einer Migräne, könnte aber gleichzeitig ein körpereigener Schmerzhemmer sein. Eine aktuelle Studie hat nun die Zusammenhänge zwischen Erbrechen und Schmerzen bei Migräne-Patienten untersucht.

Hombre en el baño intentando vomitar en el inodoro
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Dass Erbrechen Migräne-Schmerzen lindern kann, ist seit Langem bekannt, wurde jedoch bislang kaum wissenschaftlich erforscht. Antonio Munafò vom Universitätsspital Careggi in Florenz und Kollegen gingen nun dem Phänomen dieses sogenannten «Vomitting-induced migraine pain relief» nach.

In der fragebogenbasierten Querschnittsstudie untersuchten sie 106 erwachsene Migräne-Patienten. Im Fokus standen dabei die Häufigkeit und Charakteristika des Erbrechens, die Schmerzintensität bei Attacken mit und ohne Erbrechen sowie eine mögliche Schmerzlinderung danach. Die Studienteilnehmer waren im Mittel 43 Jahre alt, 86 % waren Frauen.

Die meisten Migräne-Betroffenen berichtete von Erbrechen

Insgesamt berichteten mehr als 77 % der Probanden, während ihrer Migräne-Attacken mindestens einmal zu erbrechen. Die Häufigkeit zwischen episodischer und chronischer Migräne unterschied sich dabei nicht. Meist trat Erbrechen nur selten und nur einmal pro Attacke auf.

Auffallend war, dass Migräne-Attacken mit Erbrechen deutlich schmerzhafter verliefen als Attacken ohne Erbrechen. Auf einer numerischen Ratingskala (0–10) lag die mediane Schmerzintensität bei 9 gegenüber 7 Punkten ohne Erbrechen (p < 0,001). Dieses Ergebnis entsprach auch der subjektiven Einschätzung der Patienten: 85 % empfanden Attacken mit Erbrechen als besonders schmerzhaft. Die Anzahl der Erbrech-Episoden hatte dagegen keinen Einfluss auf die Schmerzintensität.

Schmerzlinderung häufig innerhalb weniger Minuten

Von den 82 Patienten mit Erbrechen berichteten 45 (54,9 %), dass die Schmerzen nach dem Erbrechen nachgelassen hatten. Bei ca. jedem vierten Patienten verschwand die Migräne-Attacke vollständig, bei 33 Patienten trat eine vorübergehende Besserung ein. Bemerkenswert war der häufig rasche Wirkungseintritt: Bei knapp 70 % setzte die Schmerzlinderung bereits innerhalb von Sekunden oder Minuten ein. Zudem berichteten die fast 60 % Betroffenen, dass Schmerzen, die später erneut auftraten, geringer ausgeprägt waren als vor dem Erbrechen.

Die beobachtete Schmerzlinderung spiegelte sich auch im Verhalten der Patienten wider. Mehr als jeder vierte Betroffene (26,8 %) gab an, Erbrechen bewusst herbeizuführen, um eine Migräne-Attacke zu lindern. Dieses Verhalten war fast viermal häufiger bei Patienten zu beobachten, die bereits zuvor eine Schmerzlinderung nach Erbrechen erlebt hatten (40,0 % vs. 10,8 %; p = 0,007). Die Autoren interpretieren dies daher als empirisch erlernte Selbstbehandlungsstrategie.

Warum Erbrechen Migräne-Schmerzen lindern kann, ist bislang ungeklärt. Die Autoren diskutieren mehrere neurobiologische Theorien: Im Mittelpunkt steht der dorsale Vaguskomplex im Hirnstamm, dessen Aktivierung über absteigende antinozizeptive Bahnen die Migräne-Schmerzen hemmen könnte.

Weitere mögliche Mechanismen scheinen die Beteiligung des CGRP-Systems, des parabrachialen Kerns sowie des absteigenden Schmerzhemmungssystems zu sein. Ob die Schmerzlinderung tatsächlich auf endogenen neurobiologischen Mechanismen beruht oder vielmehr auf einem spontanen Ende der Attacke bzw. der Wirkung von Akutmedikamenten, bleibt jedoch offen. Klären können dies nur prospektive Studien mit neurophysiologischer und bildgebender Begleitdiagnostik.