Mit Physiotherapie gegen die vorzeitige Ejakulation?
Die vorzeitige Ejakulation ist für viele Betroffene sehr belastend. Pharmakologisch lässt sich mittlerweile gut gegensteuern. Eine neue Studie ist der Frage nachgegangen, ob die nebenwirkungsärmere Physiotherapie eine Alternative darstellen könnte.

Vorzeitige Ejakulation ist keineswegs eine Seltenheit: Untersuchungen zeigen, dass rund 75 % aller Männer einmal im Leben mit diesem Thema zu tun haben.
Was kann Physiotherapie bei vorzeitiger Ejakulation leisten?
Als medikamentöse Option hat sich insbesondere Dapoxetin etabliert. Der kurz wirksame orale selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) kann die Zeit bis zur Ejakulation verlängern. Gleichzeitig geht die Einnahme von Dapoxetin oft mit Nebenwirkungen wie Übelkeit und Schwindel einher. Die Abbruchraten im ersten Behandlungsjahr reichen von 70 bis 90 %.
Eine alternative Behandlungsoption gegen die vorzeitige Ejakulation stellt die Physiotherapie dar, bei der unter anderem Beckenbodentraining und Biofeedback, Elektrostimulation, Akupunktur sowie Yoga mit Atem- und Haltungsübungen zum Einsatz kommen. Durch solche Interventionen soll die an der Sexualfunktion beteiligte Beckenbodenmuskulatur gestärkt oder in ihrer Funktion verbessert werden, da eine Schwäche oder ein erhöhter Muskeltonus zu Ejakulationsstörungen beitragen können. Durch die Behandlung lässt sich die Zeit bis zur Ejakulation möglicherweise verlängern – bei deutlich geringerem Risiko für unerwünschte Wirkungen.
Die nun veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse verglich nun erstmals die Wirksamkeit physiotherapeutischer Massnahmen mit einer medikamentösen Therapie bestehend aus 30 mg Dapoxetin. Untersucht wurden Betroffene mit lebenslanger vorzeitiger Ejakulation. Diese besteht definitionsgemäss bereits seit den ersten sexuellen Erfahrungen und tritt bei nahezu jedem Vaginalverkehr auf. Die Samenergüsse finden dabei innerhalb einer Minute oder weniger nach vaginaler Penetration (intravaginale Latenzzeit, IELT) statt.
Dapoxetin signifikant besser, Physiotherapie bleibt Alternative
Die Autoren um Esther M. Medrano-Sánchez, PT, PhD, identifizierten sechs Studien mit insgesamt 416 Teilnehmern, die die Einschlusskriterien erfüllten. Nach Poolen der Studienergebnisse zeigte sich ein statistisch signifikanter Effekt mit einer standardisierten mittleren Differenz (SMD) der IELT von −0,80 zugunsten von Dapoxetin (95%-Konfidenzintervall: −1,53 bis −0,06; p = 0,03). Die Heterogenität zwischen den Studien war allerdings hoch (I² = 83 %), zudem blieb die klinische Relevanz des Effekts unklar. Die Ergebnisse sollten daher mit Vorsicht interpretiert werden, schreiben die Autoren.
Zusammengenommen bleibt die Physiotherapie für die Forscher eine vielversprechende Alternative für Patienten mit Unverträglichkeit gegenüber der medikamentösen Therapie. Kombinierte therapeutische Ansätze könnten den qualitativen Studienergebnissen zufolge besonders wirksam sein.
- Medrano-Sánchez EM et al. Effectiveness of physiotherapy in male premature ejaculation. A systematic review and metaanalysis. J Sex Med. 2026 Apr 9;23(5):qdag096. doi: 10.1093/jsxmed/qdag096.
