EAN 2026: Die neurologische Seite der Menopause
Die Menopause galt lange als reine Domäne der Gynäkologie. Heute beschäftigen sich zunehmend auch Neurologen mit ihren Auswirkungen auf das Gehirn. Immer deutlicher wird etwa, dass die hormonellen Veränderungen auch mit neurologischen Erkrankungen zusammenhängen – von der Migräne bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen.

Dass die Neurologie bei geschlechtsspezifischen Fragestellungen noch Nachholbedarf hat, zeigte eine aktuelle Umfrage unter europäischen Neurologen. Rund 60% gaben an, sich nicht ausreichend vorbereitet zu fühlen, frauenspezifische Aspekte in ihrer täglichen Praxis zu berücksichtigen.
Die Vortragsserie am EAN widmete sich daher der Frage, welche Erkenntnisse zu den neurologischen Konsequenzen der Menopause vorliegen – und wo die Evidenz noch erstaunlich dünn ist.
Migräne: Das Gehirn reagiert auf hormonelle Schwankungen
Dass Migräne eng mit hormonellen Veränderungen verknüpft ist, gilt mittlerweile als gut belegt. «Viele glauben, dass die Migräne mit Eintritt in die Menopause vollständig verschwindet», erklärte Dr. Anna Szewczyk-Józefczak (Medizinische Universität von Lublin). Tatsächlich spräche die Evidenz gegen diese weit verbreitete Annahme.
So zeigte eine aktuelle norwegische Bevölkerungsstudie, dass fast die Hälfte der betroffenen Frauen auch nach der Menopause weiterhin unter Migräne leidet, wenngleich die Attacken mit zunehmendem Abstand zur letzten Menstruation seltener werden. Rund jede zehnte Frau entwickelt ihre Migräne sogar erst nach dem 50. Lebensjahr (1). Eine weitere Untersuchung zeigte zudem eine Häufung hochfrequenter Kopfschmerzen während der Perimenopause, insbesondere bei Depression oder Medikamentenübergebrauch (2).
Auch die Hormontherapie in dieser Lebensphase wirft noch viele Fragen auf. Eine ältere Beobachtungsstudie fand bei Anwenderinnen einer menopausalen Hormontherapie häufiger Kopfschmerzen. Bei Migräne zeigte sich die Assoziation insbesondere unter aktueller systemischer Anwendung. Kausale Rückschlüsse erlauben diese Daten aber nicht.
Das sorgte im Anschluss an den Vortrag auch für Diskussionen. Dr. Szewczyk-Józefczak äusserte aufgrund des vaskulären Risikos Bedenken gegenüber einer Östrogentherapie bei gleichzeitiger Migräne mit Aura. Eine Schweizer Gynäkologin aus dem Publikum widersprach jedoch: Nach den schweizerischen gynäkologischen Leitlinien stelle weder Migräne mit noch ohne Aura eine Kontraindikation dar; bevorzugt werde die transdermale Anwendung.
Für die eigentliche Migränetherapie deuten erste Daten darauf hin, dass monoklonale CGRP-Antikörper auch bei postmenopausalen Frauen wirksam und gut verträglich sind. In einer prospektiven italienischen Studie gingen unter Erenumab oder Galcanezumab sowohl bei Frauen mit natürlicher als auch mit chirurgischer Menopause Migränefrequenz und Behinderungsgrad zurück. Exzellente Therapieansprechraten wurden allerdings häufiger bei Frauen im reproduktiven Alter beobachtet. Die Datenbasis speziell für postmenopausale Patientinnen bleibt insgesamt noch begrenzt.
Schlaganfall: Reproduktive Anamnese liefert wichtige Hinweise
Bereits die Framingham Heart Study hatte 2009 auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko bei Frauen mit sehr früher Menopause hingewiesen (3). Für Dr. Diana Aguiar de Sousa (Universität von Lissabon) sollte die reproduktive Vorgeschichte daher Teil jeder vaskulären Risikobeurteilung bei Frauen sein.
Besondere Aufmerksamkeit verdienten laut der Referentin Frauen mit einer Menopause vor dem Alter von 45 Jahren – etwa aufgrund von Ovarialinsuffizienz, chirurgischer Menopause oder einer Hormontherapie, etwa aufgrund von Brustkrebs. Eine gepoolte Analyse von mehr als 200.000 postmenopausalen Frauen zeigte, dass jede um ein Jahr früher eintretende Menopause mit einem Anstieg des kardiovaskulären Risikos verbunden ist – um 3% nach natürlicher und sogar um 5% nach chirurgischer Menopause (4).
Unabhängig davon verändert sich das vaskuläre Risikoprofil rund um die Menopause deutlich. Während Frauen zwischen 45 und 54 Jahren meist noch niedrigere Schlaganfallraten aufweisen als Männer, nimmt dieser Unterschied in der folgenden Dekade ab oder kehrt sich um; die Schlaganfallrate der Frauen verdoppelt sich in diesem Zeitraum etwa.
Parallel erhöhen sich in dieser Lebensphase klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren: Studien zeigen unter anderem einen Anstieg von systolischem Blutdruck, LDL-Cholesterin und Triglyzeriden sowie Veränderungen von Nüchternglukose und BMI. Besonders konsistent seien dabei die Veränderungen des Lipidprofils.
Ein protektiver Effekt der menopausalen Hormontherapie auf das Schlaganfallrisiko lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Auch bei früh begonnener Therapie zeigten Metaanalysen keinen protektiven Effekt auf das Schlaganfallrisiko; insbesondere bei älteren Frauen stieg das Risiko durch die Hormontherapie vielmehr an. Die ESO empfiehlt daher, eine Hormontherapie nicht mit dem Ziel der Schlaganfallprävention einzusetzen (5).
Gleichzeitig warnte die Referentin vor pauschalen Aussagen. Für transdermale Präparate gebe es Hinweise aus Beobachtungsstudien auf ein günstigeres vaskuläres Sicherheitsprofil als für orale Östrogene. Für die Beurteilung unterschiedlicher Präparate, Applikationswege und Dosierungen seien deshalb randomisierte beziehungsweise höherwertige Studien notwendig. Die derzeitige Evidenz reiche nicht aus, um klare Empfehlungen abzuleiten.
Parkinson: Viel Plausibilität, wenig Evidenz
Am deutlichsten wurden die Wissenslücken im Vortrag von Prof. Dr. Maria Stamelou (GYGEIA-Spital, Athen). Zwar gaben in einer EAN-Umfrage rund 40% der europäischen Neurologen an, dass weibliche Hormone keinen oder nur geringen Einfluss auf Morbus Parkinson haben. «Ich möchte Ihnen heute beweisen, dass Sie sich irren», so Prof. Stamelou.
Tatsächlich sprechen zahlreiche Beobachtungen für einen Zusammenhang. Frauen erkranken seltener und später an Parkinson als Männer, zeigen häufiger Tremor als Erstsymptom und entwickeln langsamer kognitive Defizite. Zudem leiden Frauen häufiger unter Schmerzen sowie Angst und Depression. «Östrogen ist ein Gehirnhormon», betonte Prof. Stamelou. Präklinische Studien zeigen, dass es die dopaminerge Neurotransmission beeinflusst, indem es Dopaminsynthese und -freisetzung steigert sowie den Abbau reduziert. Ob sich daraus therapeutische Konsequenzen ergeben, ist allerdings offen.
Auch therapeutisch gibt es einige geschlechtsspezifische Besonderheiten. Frauen erreichen unter Levodopa höhere Plasmakonzentrationen und entwickeln häufiger motorische Fluktuationen und Dyskinesien. Gleichzeitig werden sie seltener zur tiefen Hirnstimulation überwiesen, obwohl sie vergleichbar profitieren.
Und auch die lebenslange Östrogenexposition könnte eine Rolle spielen. Frauen mit Parkinson weisen in mehreren Studien eine kürzere reproduktive Lebensspanne auf; eine aktuelle Metaanalyse fand zudem ein erhöhtes Parkinson-Risiko nach bilateraler Oophorektomie. Gerade diese Patientinnen könnten eine besonders vulnerable Gruppe darstellen, bei der es sich lohne, auf frühe Parkinsonzeichen zu achten, betonte Prof. Stamelou.
Menopause erschwert Früherkennung
Die Früherkennung wird allerdings dadurch erschwert, dass Gedächtnisprobleme, Obstipation, Müdigkeit oder Schlafstörungen sowohl in der Perimenopause als auch prodromal bei Parkinson auftreten können. Frauen suchten in einer vorgestellten Studie nach Symptombeginn nicht später ärztliche Hilfe als Männer, wurden jedoch später an Spezialisten für Bewegungsstörungen überwiesen – offenbar, weil ihre Beschwerden häufiger nicht als neurologische Symptome erkannt wurden.
Ob eine Hormonersatztherapie hier therapeutisch hilfreich ist, lässt sich derzeit noch nicht beantworten: «Wir haben insgesamt nur fünf Studien gefunden», so die Referentin. Diese seien klein, methodisch heterogen und verwendeten teilweise Hormonpräparate, die heute gar nicht mehr eingesetzt würden. Eine belastbare Grundlage für Empfehlungen gebe es deshalb nicht.
Das Interesse an der neurologischen Komponente der Menopause wächst also – die Evidenz hält damit bislang noch nicht Schritt.
- Bugge NS et al. Migraine through puberty and menopausal transition-data from the population-based Norwegian Women and Health study (NOWAC). J Headache Pain. 2025 Jun 20;26(1):145. doi: 10.1186/s10194-025-02083-3.
- Martin VT et al. Perimenopause and Menopause Are Associated With High Frequency Headache in Women With Migraine: Results of the American Migraine Prevalence and Prevention Study. Headache. 2016 Feb;56(2):292-305. doi: 10.1111/head.12763.
- Lisabeth LD et al. Age at natural menopause and risk of ischemic stroke: the Framingham heart study. Stroke. 2009 Apr;40(4):1044-9. doi: 10.1161/STROKEAHA.108.542993.
- Zhu D et al. Type of menopause, age of menopause and variations in the risk of incident cardiovascular disease: pooled analysis of individual data from 10 international studies. Hum Reprod. 2020 Aug 1;35(8):1933-1943. doi: 10.1093/humrep/deaa124.
- Kremer C et al. European Stroke Organisation guidelines on stroke in women: Management of menopause, pregnancy and postpartum. Eur Stroke J. 2022 Jun;7(2):I-XIX. doi: 10.1177/23969873221078696.
Quelle: The neurological face of menopause: Rethinking migraine, stroke and Parkinson’s in postmenopausal women. EAN 2026, 27. - 30. Juni 2026, Genf
