Medical Tribune
15. Aug. 2026Neues Spielfeld für GLP1-RA

Semaglutid überzeugt bei Alkoholabhängigkeit

Die Behandlung der Alkoholabhängigkeit hat seit Jahrzehnten kaum Fortschritte gemacht. Nun könnten GLP1-Rezeptoragonisten die Suchtmedizin verändern: Eine aktuelle Studie zeigt erstmals, dass Semaglutid bei adipösen Patienten mit Alkoholabhängigkeit den Konsum deutlich senkt.

Ein Glas Cognac vor einem Mann – symbolisch für Alkoholabhängigkeit und problematischen Alkoholkonsum.
Jo Panuwat D/stock.adobe.com

GLP1-Rezeptoragonisten (GLP1-RA) sind im Allgemeinen gut verträglich und bergen aufgrund ihres glukose­abhängigen Wirk­mechanismus nur ein geringes Risiko für Hypoglykämien. Präklinische Studien hatten bereits Hinweise geliefert, dass GLP1-Signalwege zen­trale Belohnungsmechanismen und suchtbezogene Verhaltensweisen modulieren könnten. V

Vor diesem Hintergrund prüfte eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie aus Dänemark die Wirksamkeit von Semaglutid bei behandlungssuchenden Patienten mit moderater bis schwerer Alkoholkonsumstörung und Adipositas (BMI ≥30kg/m²). Die 108 Teilnehmer erhielten über 26 Wochen zusätzlich zur kognitiven Verhaltenstherapie entweder einmal wöchentlich Semaglutid bis 2,4mg subkutan oder Placebo. Der primäre Endpunkt war die Veränderung der schweren Trinktage.

Die Ergebnisse überraschten: Unter Semaglutid sank die Zahl schwerer Trinktage um 41,1 Prozentpunkte gegenüber dem Ausgangswert, unter Placebo um 26,4 Prozentpunkte. Die geschätzte Behandlungsdifferenz betrug −13,7 Prozentpunkte (p = 0,0015). Auch zahlreiche sekundäre Endpunkte verbesserten sich signifikant. So sank der Gesamtalkoholkonsum innerhalb von 30 Tagen unter Semaglutid um durchschnittlich 1.550g reinen Alkohol, unter Placebo um 1.026g. Parallel nahm auch das Alkohol­verlangen deutlich ab.

Weniger Alkohol, weniger Gewicht

Von besonderer klinischer Bedeutung ist die beobachtete Reduktion der WHO-Risikotrinkstufen. Denn die moderne Therapie bei Alkoholabhängigkeit ist zunehmend auf Schadensminderung und nicht mehr ausschliesslich auf vollständige Abstinenz ausgerichtet. Semaglutid senkte nicht nur die konsumierte Alkoholmenge, sondern verringerte bei einigen Patienten die Risikostufe sogar um zwei WHO-Kategorien. Mit einer «Number Needed to Treat» von 4,3 erwies sich das Medikament als wirksamer als andere etablierte Therapien.

Parallel verbesserten sich metabolische Parameter deutlich. Das Körpergewicht sank unter Semaglutide im Mittel um 11,2 kg gegenüber 2,2 kg unter Placebo, zudem reduzierten sich BMI, Taillenumfang und HbA1c signifikant. Interessanterweise bestand ein statistischer Zusammenhang zwischen Gewichtsverlust und dem Rückgang schwerer Trinktage, was auf gemeinsame neurobiologische Mechanismen von Sucht- und Belohnungsverarbeitung hinweist.

Insgesamt senkte Semaglutide den Alkoholkonsum deutlich, zeigte jedoch – ähnlich wie aus Adipositas-Studien bekannt – bei einzelnen Personen trotz Höchstdosis keine Wirkung («Non-Responder»). Dies unterstreicht die Bedeutung individueller biologischer Unterschiede für den Therapieerfolg, so die Autoren. Die Verträglichkeit entsprach weitgehend dem bekannten Nebenwirkungsprofil von GLP1-RA. Gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Obstipation, Reflux oder Appetitverlust traten unter Sema­glutide häufiger auf, waren jedoch überwiegend mild bis moderat und meist vorübergehend.