Medical Tribune
18. Juli 2026Wie das Mikrobiom mit psychiatrischen Erkrankungen zusammenhängt

Mikrobiom kann Angst und Depression fördern

Das Mikrobiom kann über die Darm-Hirn-Achse die Entstehung von psychiatrischen Erkrankungen fördern. Wie gut sich umgekehrt Depressionen und Angststörungen mit Prä- und Probiotika oder anderen Mikrobiom-freundlichen Massnahmen therapeutisch beeinflussen lassen, erläuterte Prof. Dr. Manfred Essig, Gastroenterologe in Unterseen, in einem Vortrag am Swiss Forum for Mood and Anxiety Disorders (SFMAD).

Darmmikrobiom: Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme (REM) verschiedener Bakterien aus einer Probe des menschlichen Dünndarms.
Science Photo Library/Gschmeissner, Steve

Mit der raschen Nahrungsevolution in den letzten 60 bis 70 Jahren konnte unser 100 000 Jahre alter Magen-Darm-Trakt nicht Schritt halten», erklärte Prof. Essig. Dies ist ein Grund, warum viele Menschen heute zunehmend an Darmproblemen leiden.

Das Mikrobiom besteht aus vier Milliarden Keimen. Diese produzieren unter anderem Vitamine, Fettsäuren, Toxine und Hormone. «90 % des im Körper vorhandenen Serotonins wird im Darm produziert», erläuterte Prof. Essig. Dieses Darm-Serotonin hat nur eine periphere Wirkung, da es die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren kann. Über den Vagusnerv senkt es den Blutdruck und entspannt die glatte Muskulatur. 80 % der Vagusnerven sind afferent, efferent nur 20 %. «Unserem Gehirn ist es offenbar wichtig, zu wissen, wie es dem Darm geht», so Prof. Essig.

Einfluss der Ernährung ist gut belegt

Ein gesundes Darm-Mikrobiom besteht aus einer Vielzahl, in einem Gleichgewicht zueinanderstehenden Bakterienstämme. Diese Balance kann rasch beeinträchtigt werden und Krankheiten verursachen. Störfaktoren sind etwa Medikamente, Alkohol, Stress oder Adipositas. «Die Genetik ist weniger entscheidend», so der Experte. Hingegen beeinflussen Geschlecht, Alter und vor allem das Essen das Mikrobiom. Eine wenig Mikrobiom-freundliche Ernährung verursacht Inflammation, Durchfälle und andere Magen-Darm-Probleme.

Das Mikrobiom beeinflusst, wer ein guter und wer ein schlechter Futterverwerter ist. Tabakkonsum etwa unterdrückt die Aktivität der Firmicutes, die dafür sorgen, dass die Nahrung im Darm gut aufgenommen werden kann. Nach einem Rauchstopp nimmt die Aktivität dieser Bakterien zu. Die Folge: Dem Körper stehen rasch 10 % mehr Kalorien zur Verfügung, was mit ein Grund ist, warum Personen, die mit Rauchen aufhören, zunehmen.

Mikrobiom, Depression und Käsekuchen

Viele Studien haben den Einfluss der Nahrung auf das Mikrobiom untersucht und eine Reihe von Zusammenhängen gefunden. So sind Menschen, die viele fermentierte Milchprodukte (z. B. Joghurt) essen, grundsätzlich glücklicher als andere. «Kinder und Jugendliche, die in einem Dorf in Burkino Faso aufwachsen, gesund leben, sich bewegen, biologisch ernähren und nur selbsthergestellte Nahrung essen, haben ein komplett andes zusammengesetztes Mikrobiom als Gleichaltrige in Norditalien», erläuterte der Experte. In beiden Regionen werden die Menschen im Schnitt 80 Jahre alt. In Burkino Faso aber haben die Einwohner anders als in Norditalien kaum Magen-Darm-Karzinome und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Tierexperimente zeigen, dass der Konsum von Emulgatoren in Schokolade und anderen verarbeiteten Lebensmitteln entzündliche Darm­erkrankungen fördert. Zudem nehmen Ratten, die mit fett- und zuckerreichen Käsekuchen ernährt werden, innert kurzer Zeit zu und die Kognition leidet – sie finden im Labyrinth nicht mehr den richtigen Weg. Auch liess sich zeigen, dass bei süchtigen Ratten der Entzug von Kokain, Alkohol, Heroin oder Nikotin einfacher und schneller zu bewerkstelligen ist als von fett- und zuckerreichem Fast-Food.

Noch kein gezielter Einsatz von Pro- und Präbiotika möglich

Grossen Einfluss auf das Mikrobiom haben Medikamente. So führt die Einnahme von Metformin zu einer Vermehrung von E. coli im Darm. Diese Bakterien verursachen häufig so starke Blähungen, dass Patienten das Antidiabetikum wieder absetzen müssen. «Auch alle Pharmako­therapien in der Psychiatrie verändern das Mikrobiom – manchmal zum Vor-, manchmal zum Nachteil», betonte Prof. Essig.

Ein Zusammenhang besteht zwischen dem Darm-Mikrobiom und psychiatrischen Erkrankungen. «Das Mikrobiom von Angstpatienten und gesunden Menschen unterscheidet sich deutlich», so der Referent. Erstere haben viel mehr Clostridien und Bakteroide im Darm als Gesunde, deren Mikrobiom mehr Lakto- und Bifidusbazillen enthält. Transplantiert man gesunden Mäusen Stuhl von Angstpatienten, zeigen sie innert kürzester Zeit ein Angstverhalten. Angstpatienten können aber laut Prof. Essig nicht einfach mit Pro- und Präbiotika behandelt werden. Diese Präparate haben zwar ein Potenzial, verursachen aber auch gastro­intestinale Nebenwirkungen. Ein gezielter therapeutischer Einsatz ist derzeit nicht möglich. Um das Mikrobiom nachhaltig zu verändern, braucht es viel Disziplin, Geduld und mindestens ein halbes Jahr Zeit.

Mikrobiom-freundliche Ernährung bessert Angst

Mit kommerziellen Tests lässt sich die Zusammensetzung des Mikrobioms analysieren. Die Empfehlungen sind für jedes Resultat (noch) die gleichen: gesund leben. Dazu gehören guter Schlaf und die richtige Ernährung. Mikrobiom-freundlich ist die Kombination aus mediterraner Diät mit der Dash-Kost (viel Gemüse und Vollkornprodukte, wenig Salz, keine verarbeiteten Nahrungsmittel). Diese Ernährung beeinflusst laut Prof. Essig nachweislich auch Angststörungen und Depressionen günstig.

Die gastrointestinalen Guidelines empfehlen mangels einer Langzeit-Evidenz keine mikrobiotische Supplementation. In den Leitlinien «Mental Disorders» ist die Gabe von Probiotika bestenfalls als «individuell zu prüfendende Zusatzoption» vor allem bei Patienten mit komorbiden gastrointestinalen Beschwerden und dem Wunsch nach einer komplementären Behandlung erwähnt. «Prä- und Probiotika dürfen also gegeben werden, wenn Patienten diese einnehmen möchten. Sie schaden vermutlich nicht. Wie gut sie helfen, ist unklar», sagte Prof. Essig. Die aktuellen Empfehlungen könnten sich aber ändern, sobald eine gezielte Behandlung von Krankheiten damit möglich ist, so der Referent.