Medical Tribune
13. Juni 2026Überempfindlichkeit auf Pollen, Milben, Haustiere

Das 1 x 1 der Allergiediagnostik

Pricktest und Laboruntersuchungen dienen als Werkzeuge, um Sensibilisierungen auf Allergene festzustellen. Für die Diagnose einer Allergie braucht es aber mehr als das, wie Dr. Oliver Hausmann, Luzern, in seinem Vortrag erläuterte.

Pricktest zur Allergiediagnostik
Alexander Raths/stock.adobe.com

«Man kann die Diagnose einer Allergie nicht allein aufgrund eines Hauttests oder einer Laboruntersuchung stellen und sie kann daher auch nicht einfach an Apotheken oder andere Gesundheitseinrichtungen ausgelagert werden», betonte Dr. Hausmann von der Löwenpraxis Luzern, die als Schwerpunktpraxis für Lungenkrankheiten, Allergien und Immunschwäche geführt wird. «Wir müssen mit den Patienten sprechen und die Untersuchungsergebnisse mit der Klinik in Verbindung bringen. Die Beschwerden wiederum sind nur in Zusammenschau mit den Testergebnissen sicher zu interpretieren!»

Trotzdem sind Pricktest und Laboruntersuchungen wichtige Werkzeuge der Allergiediagnostik. Auch Hausarztpraxen können sie nutzen. Der Pricktest erfordert allerdings eine gewisse Routine, um die Ergebnisse anschliessend sinnvoll auszuwerten.

Für Hausärzte genügt nach Angaben von Dr. Hausmann meist ein Set mit acht Allergenextrakten. Es sollte Birke, Esche, Gräser, Beifuss, Hausstaubmilben (Dermatophagoides pteronyssinus, Dermatophagoides farinae), Hund und Katze enthalten. Damit lässt sich bereits ein relativ breites Spektrum saisonaler und perennialer Allergene abdecken. Im Normalfall stellen die Firmen die Testlösungen bereit, die auch die Immuntherapie-Extrakte herstellen. «Man testet, womit man später auch therapiert», brachte es der Allergologe auf den Punkt.

Vor der Testung nach Medikamenten fragen

Getestet wird am volaren Unterarm. Die Extrakte werden mit einer feinen Lanzette in die Dermis eingebracht, also in die immunaktive Schicht der Haut. Dort sind u.a. Mastzellen zu finden, die bei Kontakt mit Allergenen Histamin freisetzen und damit Quaddeln, Jucken und Rötung verursachen. «Die Schicht ist sehr dünn, und es soll nach Möglichkeit nicht bluten» erklärte der Experte. «Wenn es blutet, ist man eindeutig etwas zu tief in der Haut.» Die Lanzetten müssen entsprechend kleine und feine Spitzen haben. Nach Möglichkeit sticht man senkrecht zur Haut durch den Tropfen ein, der die Testsubstanz enthält (s. Kasten).

Wichtig ist vor der Testung nach Medikamenten zu fragen, die das Testergebnis beeinflussen könnten, in erster Linie natürlich Antihistaminika. Aber auch z.B. Antidepressiva können mit dem Histaminrezeptor interagieren. Die Positivkontrolle, die aus 1–10 mg/ml Histamin besteht, dient dazu, die generelle Reaktivität der Haut zu testen. Ist die Positivkontrolle < 3 mm, kann dies ein Hinweis für eine verminderte Hautreaktivität, z. B. durch ein Medikament, sein. Bei der Negativkontrolle handelt es sich um NaCl inkl. Konservierungsstoffe, die auch in den Testsubstanzen enthalten sind. Sie darf keine Quaddel > 3 mm auslösen, ansonsten besteht eine Überempfindlichkeit der Mastzellen auf die Testprozedur alleine und es muss ein anderes Testverfahren (Labor) herangezogen werden.

Um die Ergebnisse abzulesen, braucht es einen Stift, eine Mess-Schablone und einen Testbogen. Wichtig ist, ein einheitliches und immer gleiches Bewertungsschema anzuwenden und dieses auch auf dem Testbogen zu vermerken. Die Quaddelgrösse definiert dabei die Positivität, das heisst, es zählt für die Ablesung nur der Quaddel-Durchmesser, nicht aber das Erythem, das allerdings auch vorhanden sein muss.

Sensibilisierung zeigt sich als Crescendo-Reaktion

«Irritierende Substanzen machen sehr schnell eine Rötung, die dann rückläufig ist», erklärte Dr. Hausmann. Eine Allergie braucht hingegen eine gewisse Entwicklungszeit, in der das Histamin ausgeschüttet wird und zur anhaltenden Erweiterung der Gefässe führt (Decrescendo- vs. Crescendo-Reaktion). Die Ablesung erfolgt daher erst nach 15 Minuten.

Fragliche Ergebnisse sollten immer wiederholt oder im Labor überprüft werden. «Wenn Sie nicht viel Routine mit dem Pricktest haben, kann das Verwirrung stiften», gab Dr. Hausmann zu bedenken. «Wenn Sie ihn aber richtig einsetzen, kann der Pricktest ein wunderbarer und günstiger Screening-Test für die Praxis sein.» Bis zu 15 perkutane Tests inklusive Verbrauchsmaterial sind für alle Fachgebiete im neuen TARDOC abrechenbar (Punkt MK.10.0100).

IgE-Serologie unterscheidet Haupt- und Nebenallergene

Alternativ oder in Ergänzung zum Pricktest kann in der Hausarztpraxis mittels einer Blutentnahme auch das Labor zu Rate gezogen werden. Wichtig zu wissen ist, dass eine Allergiequelle eine molekulare Vielfalt an Allergenen beinhaltet: So finden sich zum Beispiel in Birkenpollen (ebenso wie im Extrakt, der für den Pricktest und für die Immuntherapie verwendet wird) neben dem Hauptallergen (Bet v1) noch weitere Allergene der Birkenpollen (Bet v2, 3, 4 und 5).

Diese können im Labor einzeln getestet werden und geben daher ergänzende Information zum Pricktest. «Mit den IgE-Werten auf diese so genannten rekombinanten Allergene im Blut ist eine sehr spezifische Aussage zum Sensibilisierungsmuster des Patienten möglich», erklärte Dr. Hausmann. Auch über Kreuzreaktivitäten, die für Nahrungsmittelallergien ausschlaggebend sind, lassen sich mit der rekombinanten IgE-Serologie erste Aussagen treffen. Im Labor werden die spezifischen IgE-Titer gegen diverse Haupt- und Nebenallergene zusammen mit dem Gesamt-IgE-Spiegel erhoben.

Für die Schweiz sind insbesondere Gräser, Birke und Esche bedeutsam. «Birken- und Eschepollen kommen – grob gesprochen – vor Ostern, Gräserpollen nach Ostern», so der Allergologe. Die Nebenallergene sind zwar für die Allergie selbst bzw. deren Therapie von geringer Bedeutung, aber sie führen aufgrund von Ähnlichkeiten zwischen ihnen zu einer breiten Hauttestpositivität, die möglicherweise Verwirrung stiftet. Kann man im Labor die Sensibilisierung auf die Nebenallergene nachweisen, lassen sich die vielfältigen Hautreaktionen damit erklären.

Zudem empfiehlt Dr. Hausmann, einen «Perennialscreen» (rx2), der als Einzeltest mit einer Allergenmischung Sensibilisierungen gegen Allergene von Hausstaubmilbe (D. farinae), Katze, Pferd, Hund und Schimmelpilz (A. alternata) aufdeckt. Sollte dieser positiv ausfallen und auch entsprechende Symptome bestehen, können die IgE-Werte auf die einzelnen Allergene nachbestimmt werden.

Testergebnisse mit Klinik in Einklang bringen

«Danach müssen die Testergebnisse in Einklang mit der Klinik gebracht werden», betonte Dr. Hausmann. «Denn eine Sensibilisierung ist nicht gleichzusetzen mit einer Allergie.»

Korrespondierende Symp­tome können z.B. schon im Wartezimmer mittels Fragebogen abgefragt werden: Niesen, laufende oder verstopfte Nase, Gaumenjucken, Augenbeschwerden (Jucken, Rötung, Tränen) sowie Atembeschwerden (Reizhusten, Schleim). Wichtig zu wissen ist auch, in welchen Monaten bzw. in welchen Situationen (beim Sport, im Bett, in Räumen mit Teppichen, in Haushalten mit Tieren) die Beschwerden auftreten und ob es zu oralen Beschwerden bei bestimmten Nahrungsmitteln kommt.

Um einen Zusammenhang der klinischen Symp­tome mit der saisonalen Pollenbelastung herzustellen, kann auf die automatisierten Pollenmessungen des nationalen Pollenmessnetzes (NAPOL) zugegriffen werden. «Sie können damit jedem Patienten seine Exposition zuordnen», betonte Dr. Hausmann. Hilfreich ist, wenn die Symptome über eine Saison hinweg gut dokumentiert sind, entweder schriftlich in einem Beschwerdekalender oder über die gratis verfügbare «Pollen+»-App. Korrelieren die Beschwerden mit der Exposition gegenüber Allergenen, für die eine Sensibilisierung festgestellt wurde, steht die Diagnose einer Allergie fest. Die App kann weiter als Grundlage dafür dienen, das Ansprechen auf die Immuntherapie besser einzuschätzen.

Pricktest Schritt für Schritt

  • Pflegemittel wie Cremen oder Salben vor der Testung mit Alkohol entfernen.
  • Teststellen beschriften, am besten mit einem Klebeband, das der Länge nach auf dem Unterarm angebracht und beschrieben wird.
  • Kontrollieren, ob die Testlösungen in der richtigen Reihenfolge eingeordnet sind und das Haltbarkeitsdatum noch aktuell ist.
  • Ein einziger Tropfen jeder Testlösung wird in einem Abstand von ca. 3 cm aufgetragen, um überlappende Hautreaktionen zu vermeiden.
  • Das Einritzen der Haut erfolgt mit einer PRICK-Lanzette senkrecht durch den Tropfen.
  • Für jeden Tropfen muss eine neue Lanzette verwendet werden.
  • Erst am Ende der Testserie wird die Positiv- und Negativkontrolle aufgetragen (sonst juckt es gleich zu Beginn!). Das ist besonders wichtig bei Kindern.
  • Die verbleibende Testlösung wird nach 1–5 Minuten GETRENNT entfernt (z.B. mit einem Kosmetiktuch abtupfen, nicht wischen!).
  • Die endgültige Ablesung erfolgt nach 15 bis 20 Minuten noch Möglichkeit unter Beobachtung des Reaktionsverlaufs (Hautirritationen treten rasch auf und nehmen dann wieder ab).

Positiv-Symbol + in abgestufter Skala

  • Quaddel 3–5 mm
    ++ Quaddel 5–7 mm
    +++ Quaddel > 7 mm
    +++! Quaddel > 7 mm, Pseudopodien
    Quaddeln < 3 mm sind als negativ zu werten, ein Erythem alleine genügt nicht.
    Die Negativkontrolle muss < 3 mm, die Positivkontrolle ≥ 3 mm sein.