Medical Tribune
24. Juni 2026BNP: zentraler Marker für Risiko und Verlauf

Präklinische Herzinsuffizienz potenziell reversibel

Patienten mit Herzinsuffizienz erhalten ihre Diagnose häufig erst sehr spät: in bis zu 80 % der Fälle erst auf der Notfallstation. Dabei kann die Erkrankung in frühen Phasen noch günstig beeinflusst, teils sogar rückgängig gemacht werden, wie aktuelle Studiendaten zeigen. Entscheidend ist daher die frühzeitige Identifikation präklinischer Stadien.

Teströhrchen für einen BNP-Bluttest
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Die Leitlinien der American College of Cardiology (ACC), American Heart Association (AHA) und Heart Failure Society of America unterscheiden zwei Frühstadien: Stadium A umfasst Personen mit erhöhtem Risiko ohne strukturelle und funktionelle Veränderungen («gefährdet»), Stadium B solche mit Auffälligkeiten, jedoch noch ohne Symptome («Prä-Herzinsuffizienz»). Seit 2022 werden auch Patienten mit einem BNP (brain natriuretic peptide) ≥ 35 pg/ml dem Stadium B zugeordnet. Dadurch stieg zwar die Zahl der Betroffenen in dieser Kategorie, gleichzeitig verbesserte sich jedoch die Risikovorhersage deutlich.

Präklinische Herzinsuffizienz ist keine Einbahnstrasse

Neue Erkenntnisse zum natürlichen Verlauf dieser frühen Stadien liefert nun eine retrospektive Kohortenstudie von Wissenschaftlern um Dr. Ashe Moore, University College Dublin, mit 1425 Teilnehmern im Stadium A (n = 959) oder B (n =466). Das mediane Follow-up betrug 4,5 Jahre. Die Ergebnisse zeigen, dass die präklinische Herzinsuffizienz kein linearer Prozess ist, sondern sich auch zurückbilden kann. So entwickelten sich innerhalb von rund fünf Jahren etwa 22 % der Patienten aus Stadium A in Stadium B weiter. Diese waren im Schnitt älter, hatten einen höheren BMI und häufiger Begleiterkrankungen wie Vorhofflimmern, Hypertonie, COPD oder Schlaganfall.

Die Mehrheit (76 %) blieb jedoch stabil, wobei niedrigere BNP-Werte diese Gruppe kennzeichneten.

Bemerkenswert ist zudem, dass 18 % der Patienten in Stadium B eine Regression zurück zu Stadium A zeigten. Diese Patienten wiesen weniger Vorhofflimmern, günstigere echokardiografische Befunde und niedrigere BNP-Werte auf. Bei 10 % der Patienten im Stadium B kam es zu einer weiteren Progression.

Insgesamt nahmen Spitalaufenthalte mit fortschreitendem Stadium zu. Patienten mit Regression von Stadium B zu A hatten jedoch ein ähnlich niedriges Risiko wie jene, die dauerhaft in Stadium A verblieben.

BNP als Schlüsselmarker in der Primärversorgung

Das natriuretische Peptid BNP erwies sich als zentraler Marker für Risiko und Verlauf: Höhere BNP-Werte waren mit Progression und häufigeren unerwünschten Ereignissen verbunden, niedrigere Werte kennzeichneten stabile Verläufe oder sogar eine Regression. Leitlinien empfehlen derzeit einen Grenzwert von ≥ 35 pg/ml, um Hochrisiko­patienten zu identifizieren. Die vorliegenden Daten deuten jedoch darauf hin, dass ein höherer Schwellenwert (ca. ≥ 75 pg/ml) die tatsächlichen klinischen Risiken besser widerspiegelt. Die Wahl des Grenzwerts ist entscheidend: Zu niedrige Werte führen zu vielen falsch-positiven Befunden, zu hohe könnten Risikopatienten übersehen.

Echokardiografie ergänzt Risikobewertung

Neben BNP liefern auch echokardiografische Parameter wichtige prognostische Informationen. Bei erhöhtem BNP sollte deshalb frühzeitig eine Doppler-Echokardiografie erfolgen. Besonders aussagekräftig sind strukturelle und diastolische Parameter, wie der linksatriale Volumenindex (LAVI), der enddiastolische Durchmesser (LVEDd) und die diastolische Funktion (E/e′-Ratio). Dies spricht dafür, dass sich frühe kardiale Umbauprozesse prinzipiell beeinflussen lassen, allen voran durch eine gute Blutdruckkontrolle.

Die Daten zeigen, dass ein Teil der Patienten ein geringeres Risiko hat und weniger intensiv überwacht werden muss als andere. Das bedeutet: Ressourcen können gezielter eingesetzt werden. Therapeutisch entscheidend bleibt dennoch die frühzeitige und konsequente Behandlung klassischer Risikofaktoren, insbesondere bei erhöhten BNP-Werten. Hierzu zählen z. B. eine konsequente Blutdruckkon­trolle, Gewichtsreduktion sowie die Behandlung einer Dyslipidämie. Biomarker werden in der Prävention bislang noch zu selten genutzt. Die Autoren plädieren daher für wiederholte Messungen, optimierte Grenzwerte und klar definierte, risikoadaptierte Therapiepfade.